VRM Wochenblätter

22.09.21 | Zukunft

Die Zukunft der Medizin

von Felix Lieb

 

Sind wir auf dem Weg zu ewigem Leben? Ungeachtet der Fragen, ob wir das wollen und ob das unser Planet bei einem sowieso schon stetig steigenden Bevölkerungswachstum überhaupt noch aushält, bleibt zu konstatieren: Die Medizin entwickelt sich immer weiter, ist genauso forschungsintensiv, modern und derart umfangreich, dass ein Überblick über die Zukunft im Gesundheitswesen nur bruchstückhaft sein kann. Das betrifft auch die Thematisierung der strukturellen Probleme etwa in Hinblick auf Mangel an Pflegekräften oder Pflegenotstand. Die digitale Transformation prägt auch das Gesundheitswesen. Das Ende der Fahnenstange scheint noch lange nicht erreicht.

Werden wir bald schon von Robotern operiert? Foto: AdobeStock

Per Mausklick zum Organ

Was wie eine merkwürdige Vorstellung klingt, ist gar nicht mal so weit weg von der Realität. Das Zauberwort heißt „Bioprinting“. Dabei handelt es sich um ein sogenanntes additives Druckverfahren organischer Substanzen wie Zellstrukturen oder Muskelgewebe. Selbst die Herstellung von Organen wird nicht mehr komplett ausgeschlossen und zumindest schon erprobt. Bei Bioprint handelt es sich um ein Fertigungsverfahren, bei dem Objekte und Strukturen Schicht für Schicht mittels Hinzufügens organischer Materialien entstehen. Hoffnungen entwickeln sich unter anderem in die Richtung, dass die dramatische Situation in Hinblick auf fehlende Spenderorgane gelöst werden könnte. Die kosmetische Chirurgie dürfte von Hauttransplantaten aus dem Drucker ebenso profitieren wie der Bereich der Knorpelrekonstruktionen, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Der digitale Operateur

Wird es irgendwann so sein, dass wir nicht mehr von Menschen, sondern von Maschinen operiert werden? Nicht für jeden erscheint dies beruhigend. Nüchtern betrachtet, ist die Robotik längst nicht mehr wegzudenken aus Medizin und Gesundheitswesen. Im Segment von Prothesen und Körpersatzstücken sind elementare Fortschritte zu verzeichnen. Auch in der Laborarbeit und eben im operativen Segment gibt es zahlreiche Befürworter, die vor allem die Präzision von Robotern hervorheben und die Fähigkeit „komplexe Informationen in präzise Bewegungen umzusetzen“ (Fraunhofer-Institut für Fabrikbetrieb und -automatisierung IFF in Magdeburg). Einwände gibt es vor allem bei „kontextbasierten Eingriffen“, also etwa bei plötzlichen ungeplanten Ereignissen und Situationen während einer Operation. Welche Informationen müssen zugrunde liegen, damit ein Roboter auf solche Situationen und ein etwa durch Blut sich veränderndes Sichtfeld reagieren kann? Vor dem Hintergrund der genannten Probleme dürfte Robotik im Operationssaal sich in der nahen Zukunft vorerst auf die Funktion einer technischen Assistenz beschränken.

Wettlauf gegen das Vergessen

Das Durchschnittsalter der Menschen ist in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer weiter gestiegen. Ein Umstand, der auch auf eine bessere medizinische Versorgung hinweist, zumal dem eine geringere Sterblichkeitsrate von Säuglingen gegenübersteht. Altersforschung dürfte in medizinischen und naturwissenschaftlichen Disziplinen von großer Bedeutung sein etwa in Bezug auf die Erforschung des Erbguts, zumal altersspezifische Krankheiten ein elementarer Teil des Gesundheitswesens sind. Beispielhaft hierfür ist die Alzheimerkrankheit, von der in den letzten Dekaden immer mehr Menschen betroffen waren – Tendenz für die -Zukunft steigend. Sie ist in ihren vielfältigen Ausprägungen eine Qual für die direkt Betroffenen selbst, die sich nicht nur in dem Verlust kognitiver und körperlicher Kompetenzen begründet, sondern zum Teil die Lebensentwürfe der Person und ihres Umfeldes infrage stellt. Und sie stellt enorme Herausforderungen an die Pflege. Das Problem: Alzheimer und viele andere neurodegenerative Erkrankungen, also Erkrankungen des Nervensystems, sind nach wie vor nicht heilbar – trotz enormer Forschungsenergien. Gegenwärtige und zukünftige Bemühungen setzen an unterschiedlichen Punkten an, unter anderem am Heilungsprozess, an der Ursachenforschung, medikamentösen und therapeutischen Maßnahmen aber vor allem an der Früherkennung. Heute ist Alzheimer aufgrund der zunächst moderaten unterschiedlich lesbaren Symptomatik zumeist erst dann zweifelsfrei erkennbar, wenn der erhebliche Verfall von Nervenzellen bereits stark vorangeschritten ist. Helfen könnte hier beispielsweise das Thema „Big Data“. Diese Ansicht vertreten Experten wie Prof. Dr. Emrah Düzel, Leiter der Klinischen Forschung am Standort Magdeburg. Der Gedanke: Smartphones und andere Instrumente des Digitalen zeichnen eine Vielzahl von aufschlussreichen Daten auf, welche die Defizite klassischer Tests und Methoden ausgleichen und frühzeitige Aufschlüsse über die korrekte Diagnose und damit auch über die geeigneten Therapiemethoden geben. Dauerhafte Aktualisierungen über Smartphone und Co. geben kontinuierliche Aufschlüsse über Verbesserungen und Verschlechterungen des Zustandes. Gleichzeitig eignen sich diese Einheiten als Instrumente, um über Apps einer Vielzahl von Menschen Tests zugänglich zu machen. Losgelöst von Alzheimer und anderen Demenzformen liegen Hoffnungen in Bezug auf künstliche Intelligenz und Datenaustausch unter anderem darin, dass Informationen schneller analysiert und auf dieser Basis Vordiagnosen von der KI angefertigt werden. Dem behandelnden Mediziner stünde dann mehr Zeit für seinen Patienten zur Verfügung.

Das reine Patientengespräch dürfte auf dieser Basis in Zukunft noch stärker digital geprägt sein. Online-Sprechstunden sind heute schon möglich und werden partiell praktiziert. Die Diagnose via Bildschirm hat den Vorteil, eine Ansteckungsgefahr – etwa bei Covid-19 – zu minimieren, da potenzielle Überträger ihre Häuser nicht mehr verlassen müssen. Die Geschwindigkeit des Digitalen und die zunehmende Vernetzung hat auch auf anderer Ebene ihre Vorteile. Röntgen- und MRT-Bilder können viel schneller zwischen ärztlichen Stellen versendet werden. Das hilft in einem Bereich, in dem zuweilen jede Sekunde zählt. Auch die hier noch nicht erwähnte digitale Patientenakte trägt dem zumindest in Bezug auf Verfügbarmachung von Informationen Rechnung. Profitieren könnten, da sind sich Experten einige, zudem Menschen in ländlichen Regionen, deren Weg zum nächsten Arzt sich als schwer zu überbrückende Distanz erweist. Das setzt allerdings weitreichende Fortschritte des Netzausbaus in jenen ländlichen Regionen voraus.

INFOBOX

eHealth

Unter dem Begriff eHealth (oder E-Health) werden Anwendungen aus dem Bereich der Informationstechnologie zusammengefasst, die der Unterstützung bei der Behandlung und Betreuung von Menschen dienen. Das bezieht sich unter anderem auf den Austausch medizinischer Daten, die per digitaler Kommunikationsinstrumente und Plattformen ausgetauscht werden. Dazu gehören Medikationspläne, Notfalldaten und mehr. Auch der Einsatz von Gesundheitsapps, die zur Krankheitsbehandlung, zum Ausgleich von Behinderungen oder zur Prävention genutzt werden, gehören in diesen Bereich. Zusätzlich in diesem Kontext zu erwähnen ist das E-Rezept, das ab Januar 2022 eingeführt werden soll mit dem Ziel, Abläufe in Arztpraxen und Apotheken zu vereinfachen. Bei Abholung eines Rezeptes müssen Patienten nicht mehr zwangsläufig in der Praxis vorbeischauen. E-Rezepte können sowohl in Online- wie auch „normalen“ Apotheken eingereicht werden.

 Telemedizin

Verstärkt rückt aber auch die Telemedizin in den Fokus. Dabei geht es vornehmlich um Diagnose-, Therapie- und Rehabilitationsmaßnahmen, die via Digitaltechnologie über räumliche Entfernungen vorgenommen werden können. Dazu gehören auch die ferngesteuerte Patientenüberwachung, gleichbedeutend mit Telemonitoring oder die Notfallversorgung in Flugzeugen und der Schifffahrt. Telerehabilitationsmaßnahmen erlauben derweil eine Nachsorge zu Hause, die über Kommunikationstechnologie gesteuert wird. Eine Online-Therapie ist in diesem Kontext genauso möglich wie die Nutzung von Software als Anleitungsinstrument für den Patienten.

Quellen: Telemedizin BW / Bundesministerium für Gesundheit

Foto: Gorodenkoff – AdobeStock

Ebenso das Thema Datenschutz darf genauso wenig vergessen werden wie ethischen, moralische und gesellschaftliche Aspekte. Technologische Innovationen sind kostenintensiv, nicht jeder kann sie sich leisten und nicht jeder hat das technische Gerät, Computer oder Tablet, um auf derartige Möglichkeiten zuzugreifen. Vielerorts wird deshalb die Gefahr einer Zwei-Klassen-Medizin in den Raum gestellt, in der das Prinzip umfassender (digital-)medizinischer Versorgung nur einem kleinen Bevölkerungsteil zugänglich gemacht wird. Auch Sachverhalte in Bezug auf Gentechnik, Genmanipulation oder auch Forschungsprozesse selbst sorgen für Kontroversen. Axel Ekkernkamp fragt deshalb in einem Gastbeitrag für den Tagesspiegel online von 2019: „Ist alles, was möglich ist, auch ethisch geboten?“

Auch aus gesundheitsspezifischer Sicht ist Vorsicht geboten. Künstliche Intelligenz kann nur so gut sein, wie die Daten, die ihr zur Verfügung stehen. Sind diese fehlerhaft, hat dies Auswirkungen auf die Funktionalität medizinischer Entwicklungen der Zukunft. 

Die Möglichkeiten der Medizin in der Zukunft sind noch nicht ausgeschöpft. Die Perspektiven in vielen Bereichen geben Anlass zur Hoffnung. Das weite Feld der Medizin profitiert dabei genauso von den Forschungsdurchbrüchen wie von der digitalen Transformation. Doch zugleich wird vor dem Missbrauch der Daten gewarnt, aber auch davor, dass die Fortschritte nicht in allen Bevölkerungsteilen gleichermaßen ankommen. Daher sollte beim Fortschritt in Gesundheitswesen und Medizin die Frage nicht außer Acht gelassen werden, ob er nur um seiner selbst willen vorangetrieben wird oder dem Menschen dient.

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