VRM Wochenblätter

22.09.21 | Zukunft

Schöne neue Arbeitswelt

Mein Büro, mein Zuhause. Wie sieht die Arbeitwelt von morgen aus?

 von Felix Lieb

Im Sonnenuntergang am Strand über einen Bildschirm Personalgespräche führen, hoch oben in den Bergen mit ein paar Klicks das Dax-Unternehmen zu neuen finanziellen Höhenflügen katapultieren, gemütlich im Café bei einem Latte macchiato das nächste Erfolgsprojekt organisieren. Es gibt unzählige Szenarien, wie unsere Arbeitswelt von morgen aussehen könnte. Positivkonzepte stehen dabei nicht erst seit heute im ständigen Wettbewerb mit kritischen Perspektiven. Der rasante digitale Fortschritt, seine Möglichkeiten, aber auch die Corona-Pandemie gaben und geben dem riesigen Themenkomplex allerdings neuen Nährboden. Vieles, was einst unmöglich schien, entwickelte sich zum Bestandteil unserer beruflichen Gegenwart.

Mal bequem, mal stressig: Homeoffice ist mancherorts bereits fester Bestandteil der Arbeitswelt. Foto: AdobeStock

Mein Büro, mein Zuhause

Homeoffice erlangte durch die Pandemie eine große Popularität, reihte sich allerdings schon davor ein in Gegenkonzepte zum klassischen standortgebundenen Büroarbeitsplatz. Der digitale Wandel, Cloud Computing und die Möglichkeit des Zugriffs auf (Arbeits-)Daten von außerhalb des Büros sowie virtueller Treffen via Bildschirm eröffneten hier neue Möglichkeiten und boten sich zugleich als Einnahmequelle an. So begegnen uns immer wieder Coworking-Plätze, die aus dem Wunsch nach bürounabhängigem Arbeiten wirtschaftlichen Nutzen ziehen und gegen eine Gebühr in gemütlicher Atmosphäre Arbeitsraum inklusive WLAN zur Verfügung stellen. Homeoffice erweitert diese Gelegenheit zur physischen Unabhängigkeit vom Arbeitsplatz. Und das bietet durchaus neue Möglichkeiten etwa in Bezug auf Büroorganisation. Alicia Lindhoff spricht in ihrem Online-Beitrag „So arbeiten wir in Zukunft: Flexibel, digital – und prekär?“ von der Durchbrechung tradierter Muster in der Arbeitswelt. Der Lebensraum Arbeitsplatz könnte neu definiert und umgestaltet werden, weil feste Zuteilungen zu einem Platz nicht mehr notwendig, die Nutzung einer Station von mehreren Personen aber durchaus möglich ist. Das bietet Kosteneinsparpotenzial in Hinblick auf geringere Büronutzungsflächen. Weiter gedacht könnte derartiges frei werdendes Platzangebot für mehr Wohnraum genutzt werden, während die nicht permanente Anwesenheit die Fahrt- und andere Kosten des Arbeitenden senkt. Die Umwelt freut das auch. Zugegeben: Ob diese Rechnung komplett aufgeht, sei dahingestellt. Denn die dafür erforderliche IT-Infrastruktur sowie die digitale Transformation an sich benötigen immer mehr Rechenleistung und damit auch mehr Energie. Und deren Gewinnung ist eben nicht immer ökologisch unbedenklich. Zumindest sind nachhaltige Lösungen erforderlich, damit tatsächlich ein ökologischer Gewinn rauskommt.

Eine weitere Problematik solcher sich „separierender“ Belegschaften äußert sich in der Neusituierung sozialer Kontakte. Ein „mal kurz auf einen Kaffee treffen“ ist als Online-Meeting nur bedingt reizvoll. Arbeitsgemeinschaft und Teamgedanke drohen unterzugehen. Eine Art digitales Konfliktmanagement wird notwendig. Und nicht nur das. Sich mal eben außerhalb der offiziellen Bürozeit schnell einloggen, um eine Aufgabe zu erledigen oder sich einen zeitlichen Vorsprung zu verschaffen, mag zwar verlockend sein, nährt aber das Problem der dauerhaften Verfügbarkeit. Der Feierabend wird dann nur noch zu einer Orientierungsgröße. Überlastung droht. Experten sprechen in diesem Zusammenhang nicht mehr nur noch vom Streben nach „Work Life Balance“, also dem Ziel, Arbeit und Privatleben auf harmonische Weise in Einklang zu bringen, dabei diese Bereiche aber klar voneinander abzugrenzen. Sie gehen von Work-Life-Integration aus, also dem Verständnis, dass Arbeit und Privatleben zusammengehören, dabei allerdings auf vernünftige Weise aufeinander abgestimmt werden müssen. Mehr denn je dürfte eine Herausforderung der neuen Arbeitswelt darin bestehen, derartigen Überlastungsmechanismen entgegenzuwirken.

Durch Homeschooling und andere Zwänge der Pandemie wird diese Problematik von Beruf und Privatleben auf die Spitze getrieben. Vielerorts müssen Familienalltag und Beruf innerhalb der eigenen vier Wände unter einen Hut gebracht werden – und verursachen zusätzlichen Stress. Selbst das Familienleben muss in Teilen neu organisiert werden.

Arbeit aus Fleisch und Blut

Übernehmen Roboter demnächst die Welt? Dass digitale Transformation, Big Data etc. die Arbeitswelt umgekrempelt haben, ist unbestritten. Beispielhaft ist der produzierende Sektor. (Mechanische) Tätigkeiten werden beispielsweise im Autobau ihrerseits (fast) eigenständig von computergesteuerten Maschinen übernommen: Das „Internet der Dinge“ prägt schon seit mehreren Jahren die Arbeitswelt und beschreibt die Idee, dass Geräte miteinander und mit dem Internet verbunden sind und zum Teil eigenständig Aufgaben ausführen. In der Logistik oder bei Paketdienstleistern gehören derartige Konzepte bereits zum Standard. Folgerichtig ist die „Arbeit ohne Menschen“, wie es in einem „Zeit-Online“-Beitrag heißt, nicht nur im produzierenden Sektor ein beliebtes Horrorszenario. Die Vernetzung innerhalb der Arbeitswelt wird auch in Bezug auf Technologie noch weiter zunehmen. Der Psychologe Jens Nachtwei sieht etwa für die Personalarbeit eine wichtige Frage darin, welche „Rolle ein neuer Mitspieler namens Künstliche Intelligenz an der Seite von Beschäftigen“ hat und „welche Kompetenzen denn noch das Alleinstellungsmerkmal für Beschäftigte aus Fleisch und Blut sind“. Können womöglich Fähigkeiten wie Denken über mathematische Operationen umgangen oder durch selbstlernende Maschinen adaptiert oder zumindest ausgeglichen werden?

Verschiedene Berufsbilder stehen auf dem Spiel. Schon jetzt ersetzen beispielsweise in einem großen schwedischen Möbelhaus, dem Strichcode sei Dank, computergestützte Kassensystem im Einkaufswesen Kassiererinnen und Kassierer. Im Personalwesen werden Programme genutzt, um nach adäquaten Bewerbern auf Arbeitsstellen zu suchen, meist noch mit Unterstützung aus Fleisch und Blut. Beratung wird über Bewertungsmanagement im Internet abgedeckt. Und Portale helfen via Algorithmen und Datenauswertung bei der Wahl der richtigen Versicherung, ohne dass dafür ein Makler notwendig ist. Ob diese Resultate dann tatsächlich besser sind als vom „Mensch-Analysten“ ausgearbeitet, sei dahingestellt.

WENIGER ERWERBSKRAFT

Faktor demografischer Wandel

Als zusätzlicher Faktor, der die zukünftige Arbeitswelt maßgeblich beeinflussen ­dürfte, wird der demografische Wandel genannt. Die Rechnung ist folgende: Teile der Bevölkerung erreichen ein höheres Alter und scheiden irgendwann aus dem Arbeitsleben aus. Auf der anderen Seite sinkt die Geburtenrate. Das beeinflusst, so die ­Annahme, die Verfügbarkeit von Arbeitskraft. Wenke Apt und Marc Bovenschulte sprechen von einer Schrumpfung der Erwerbsbevölkerung. Welche Bereiche diese betrifft, darüber gehen die Ansichten (noch) auseinander. 

Auf der anderen Seite wird es weiterhin Berufe geben, die nicht durch Roboter ersetzt werden können, allen voran Berufe im Gesundheitswesen, auch wenn hier schon von Pflegerobotern die Rede ist. Die Gefahr geht hier eher von strukturellen Problemen des Systems aus wie niedrigen Löhnen, Überlastung und anderen Faktoren, welche die einzelnen Bereiche zur Disposition stellen. Arbeit fällt also zukünftig nicht weg. Allein die Tätigkeitsfelder und damit die Stellenprofile dürften sich noch stärker ändern und bedingen dann eine stärkere Flexibilisierung im Arbeitsleben. Im Zuge des Einflusses des Digitalen geht Zukunftsforscher Kai Goerlich davon aus, dass Arbeitsprofile der Zukunft eine weitaus stärkere Technologiekomponente beanspruchen. Das setze ein größeres Wissen von Algorithmen und Robotik voraus und erfordert mehr denn je die Notwendigkeit von Weiterbildungsmöglichkeiten. Bereits im europäischen Rahmenabkommen Future of Work – Barcelona 2.0 des Unilever-Konzerns von 2013 sind derartige Notwendigkeiten festgehalten. Kerngedanke des Rahmenvertrags ist, dass Mitarbeiter trotz der durch die Digitalisierung zu erwartenden Arbeitsumbrüche und der Herausbildung neuer Arbeitsformen „langfristig beschäftigungsfähig sind“. Die Gefahren lauern also nicht im Nichtvorhandensein von Arbeit. Die Arbeitssoziologin Sabine Pfeiffer sieht in den neuen Entwicklungen die Gefahr der Entstehung von Parallelgesellschaften. Menschen würden zunehmend nur noch mit denen zusammenarbeiten, welche die gleichen Qualifikationen besäßen. Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee gehen noch weiter. Sie glauben an das zweite Maschinenzeitalter. Immer weitere steigende Rechenleistungen, die Vernetzung von Mensch und Maschine, sich immer weiter verbessernde künstliche Intelligenz sind für sie Prognose und Nährboden zugleich für die Annahme ihrer Theorien.

Einige Szenarien gehen von einer immer größeren Kluft zwischen Arm und Reich aus. Und die Größe dieser Kluft dürfte auch damit zusammenhängen, inwieweit unteren Gesellschaftsschichten der Zugang zu Technologie und den neuen Möglichkeiten gegeben wird oder inwieweit Menschen die Chance erhalten, aus ihrer beruflichen Lage, sofern sie sich in einer solchen befinden, auszubrechen und sich umzuorientieren. Eine wesentliche Frage besteht folglich laut Uwe Jean Heuser, Caterina Lobenstein, Dr. Kolja Rudzio und Heinrich Wefing in einem „Zeit“-Artikel darin, wie die Kluft zwischen Gewinnern und Opfern des Fortschritts zu überwinden ist.

Manche sehen durchaus Chancen in der schönen neuen Arbeitswelt und dem zunehmenden Einfluss von KIs. Vor allem dann, wenn sie zur Entlastung von Arbeit und steigenden Freizeitmöglichkeiten führen. Es treten Modelle auf die Tagesordnung, in denen der Gemeinschaftsgedanke eine viel stärkere Relevanz erhält bzw. dieser durch gemeinsame Aktivitäten ermöglicht wird. Arbeitsgemeinschaften treten auf den Plan. Schon jetzt testen einzelne Firmen Arbeitsmodelle mit weniger Wochenstunden bei gleichem Lohn. Der Gedanke dahinter: Durch günstige freizeitliche Rahmenbedingungen die Motivation für die Arbeit sichern und die Konzentration steigern. KIs sind in solchen Modellen laut den Autoren nicht mehr „Jobkiller, sondern Wertschöpfer“.

Offen ist, wie die Zukunft der Arbeit aussehen wird. Die in der heutigen Gegenwart manifestierten Entwicklungsfortschritte können einen genauso guten wie schlechten Ausgang nehmen. Sie bieten Raum für Hoffnungen, aber auch für Ängste. Wichtig für die Zukunft der Arbeit dürfte sein, bei allem Enthusiasmus über die Fortschritte den Menschen nicht zu vergessen und Grundlagen zu schaffen, dass Technologie ihm zum Vorteil gereicht. Manch einer fordert gar einen neuen Gesellschaftsvertrag. Nur dann dürfte das Arbeiten am Strand auch so schön sein, wie es klingt.

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