VRM Wochenblätter

28.09.21 | Zukunft

Gemeinschaftliches Gärtnern

Urban-Gardening-Projekte bringen Freude für Jung und Alt

von Barbara Yurtöven 

 

Erntetag im Biebricher Gemeinschaftsgarten. Foto: GWW

Urban Gardening, darunter versteht man gemeinschaftliches Gärtnern in urbanen, also in städtischen Räumen. Menschen unterschiedlicher sozialer und kultureller Herkunft schließen sich zusammen, begeben sich auf die Suche nach freien Flächen, säen Pflanzen, bauen Obst und Gemüse an. Damit schaffen sie ein Bewusstsein für gesunde Ernährung, fördern den Bezug zu saisonalen Produkten und generieren Nahrungsquellen für Bienen und andere bestäubende Insekten. Urbane Gärtnerinnen und Gärtner eröffnen Räume zur Erholung und des Austausches, sie werten mit ihrem Engagement ihren Stadtteil, ihr Viertel, ihren Kiez auf und machen sich um die Allgemeinheit verdient. Das kann, in Abstimmung mit den Eigentümern oder der Stadtverwaltung, eine brachliegende Bodenfläche sein, ein Hochbeet oder ungenutzter Vorgarten. Es kann einfach nur dem Verschönern dienen oder dem Anbau von Obst, Gemüse und Kräutern.

Der Begriff Urban Gardening wird für vielfältige „grüne Aktivitäten“ verwendet. Mitten in der Stadt, zwischen

der Sporthalle am Platz der Deutschen Einheit und der Elly-Heuß-Schule, aber ohne den Anbau von Gemüse, hat der Verein Kubis e.V. den Gemeinschaftsgarten Westend initiiert. Aus einem eher unattraktiven Grünstreifen wurde ein bepflanztes Beet, das regelmäßig gesäubert und geharkt wird, um für eine grüne und blühende Bereicherung in der Stadt zu sorgen.

In Biebrich hat die GWW ein grünes Pilotprojekt angestoßen. Seit Juni wird in der Wohnanlage an der Pfälzer Straße, Andreasstraße, Imaginastraße ein 150 Quadratmeter großer ökologischer Gemeinschaftsgarten von den Anwohnern gemeinsam beackert. Mais und Möhren, Bohnen und Gurken, Mangold, Kürbisse und vieles mehr wurden angepflanzt und gepflegt.

Am Starttag erhielten die Mitstreiter viele nützliche Tipps, die auch auf dem Balkon umgesetzt werden konnten. Zum Beispiel, gekaufte Pflanzerde am besten mit Sand zu vermischen, um die jungen Pflanzen nicht zu früh mit zu vielen Nährstoffen zu verwöhnen. Auch verrieten die Experten, wie man für die Anzucht von Samen mit Hilfe einer durchsichtigen Plastikflasche ganz einfach ein kleines Gewächshaus basteln kann. Und die Kinder waren mit Eifer dabei, die ersten Töpfchen mit Kräutersamen zu bestücken, die sie auch mit nach Hause nehmen durften. Wer wollte, konnte auch Beetpate werden und eine eigene kleine Fläche beackern.

Von der AckerCompany GmbH unterstützen zwei Experten mit regelmäßigen Ackersprechstunden das Engagement vor Ort. Für die Pflege des Beetes standen in einem Schuppen Geräte zur Verfügung. Das Gießen war in diesem Sommer dank der eher feuchten Witterung nicht so oft zusätzlich nötig. Nach und nach wurde aus den kleinen Samen und Pflänzchen erntereifes Gemüse. Und deshalb konnte Anfang September auch schon ein buntes Erntefest gefeiert und das Ergebnis bestaunt werden. Doch damit ist das erste Gartenjahr noch nicht vorbei. Im Herbst werden noch Naschecken eingerichtet, in denen im nächsten Jahr unterschiedliche Beerensträucher zum spontanen Verzehr einladen sollen, es wird einen Workshop zum Thema Haltbarmachen geben und dann muss der Garten noch winterfest gemacht werden, denn im nächsten Jahr soll das Projekt fortgesetzt werden.

„Es war eine richtig tolle Erfahrung und alle Beteiligten hatten viel Freude damit“

freut sich Alexandra May, die Pressesprecherin der GWW. „Es war ein großartiger Beitrag zum Miteinander und zur gesunden Ernährung gleichermaßen und alle freuen sich schon sehr auf das nächste Gartenjahr.“

Ebenfalls in Biebrich, aber im Grüngürtel des Mosbachtals gelegen, bietet der Biberbau allen von sechs bis 99 Jahren, die keinen Garten haben, die Möglichkeit, sich an der Begrünung im Biberbau zu beteiligen – zu helfen beim Pflanzen, Gießen, Umgraben, Hacken, Schneiden und Ernten und allem, was hilft, den Garten in Schuss zu halten. Es geht dabei aber nicht um eine reine Verschönerungsmaßnahme, sondern vielmehr darum, Klein und Groß ein Verständnis für die Herkunft und den Anbau von Nahrungsmitteln zu ermöglichen und einen Austausch von Wissen und den Aufbau einer Gemeinschaft beim Gärtnern zu ermöglichen. Wer will, hat auch die Möglichkeit, ein eigenes Beet zu bepflanzen und es zu gestalten.

Auch das in Nordenstadt bestehende Angebot von „Meine Ernte“ würde mancher nicht unbedingt zum klassischen Urban Gardening zählen. Und doch bietet es Städtern die Möglichkeit, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen, Erfahrungen mit dem Anbau und der Pflege von Gemüse zu machen und ihre eigene Ernte zu erzeugen. In Kooperation mit dem Scholzenhof von Familie Kranz bietet die „Meine Ernte GmbH“ einzelne Gemüsegärten für Interessierte an. Landwirt Ditmar Kranz bereitet die Beete vor, sorgt in langen Reihen für die Einsaat und Erstpflanzung, die in jedem Jahr rund 20 verschiedene Gemüsesorten umfasst. Kartoffeln sind dabei, Mangold, Kohlrabi, Zwiebeln, Romanesco oder Fenchel. Jeder Gemüsegarten, egal ob man die kleinere (circa 45 Quadratmeter) oder größere Variante mit 90 Quadratmetern wählt, ist mit denselben Sorten bestückt. In jedem Abschnitt gibt es zudem noch ein Wunschbeet, in dem man zusätzliche Sorten anbauen kann. Nur der Topinambur darf hier nicht gesetzt werden, da er sich unkontrolliert ausbreitet. Aus den gleichen Gründen ist die Pfefferminze nicht gern gesehen, sie darf allerdings im Topf eingepflanzt werden.

Farbenfrohe Ausbeute. Foto: GWW

Für die Pflege der Gemüsebeete stellt Kranz Werkzeug und Wasser und den Hobbygärtner seine fachliche Expertise als Biobauer zur Verfügung. Und er hat überall Sonnenblumensamen verteilt, die jetzt im Spätsommer zu beachtlicher Höhe gewachsen sind und nicht nur für einen dekorativen Effekt sorgen, sondern durchaus auch Schatten spenden.

In diesem Jahr haben wieder viele Familien das Angebot genutzt. Manche sind schon richtige Stammgäste und bereits in der elften Saison dabei, manche haben es zum ersten Mal ausprobiert, so wie Tobias und seine Familie aus Nordenstadt. „Uns hat es sehr viel Spaß gemacht, auch wenn wir wegen unseres neugeborenen Sohnes nicht so viel Zeit investieren konnten und unser Gemüsegarten deshalb sicherlich zu den weniger gepflegten gehört. Wir wollen aber im nächsten Jahr auf jeden Fall wieder mit dabei sein“.

Für Tobias hat sich durch die Arbeit im Gemüsebeet eine ganz neue Perspektive ergeben: „Wenn man mal selbst Hand angelegt hat, dann merkt man erst, was die Arbeit der Landwirte eigentlich bedeutet und lernt, deren Einsatz mehr zu schätzen.“

FÖRDERMÖGLICHKEITEN

Welche Fördermöglichkeiten gibt es? Das Hessische Ministerium für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz bietet diverse Fördermöglichkeiten an, die für Urban-Gardening-Projekte in Frage kommen. So können urbane Gärtnerinnen und Gärtner Zuschüsse für spezifische Maßnahmen grundsätzlich bis zu 500 Euro unkompliziert über Lottomittel beantragen, sofern sie als Verein, Stiftung, Kita oder Ähnliches die Mittel schriftlich beim Hessischen Ministerium für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz einreichen. Wird ein Urban-Gardening-Projekt von der Kommune unterstützt, kann auch ein Zuschuss aus dem Städtebauförderprogramm des Landes möglich sein. Ob die Fläche eines Urban-Gardening-Projektes dazu zählen könnte, kann man im jeweiligen Rathaus in Erfahrung bringen. Auch bei der Umweltlotterie GENAU kann man sein Urban-Gardening-Projekt einreichen. Neben den Individualgewinnen ist jede Woche ein Zusatzgewinn in Höhe von 5000 Euro für ein Umwelt- und Naturschutzprojekt vorgesehen. Nähere Informationen unter Lotto GENAU.

HILFREICHE TIPPS

Die gemeinnützigeAnstiftungbietet im Internet eine Sammlung hilfreicher Informationen, Praxistipps und Anleitungen zu Urban Gardening. Die Freiraum-Fibel des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung informiert über rechtliche Bedingungen wie Genehmigungsverfahren und Haftungsfragen, liefert praktische Tipps und Beispiele und nennt gute Argumente, um Behörden, Grundstückseigentümer und andere Entscheidungsträger von einer Idee zu überzeugen. Kostenlos herunterzuladen unter Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung.

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