VRM Wochenblätter

Nov 24, 2021 | Spielen

Leidensfähige Gentlemen

Snooker erobert die Welt – in Rüsselsheim weiß man das schon lange

Von Tino Friederich

Vielleicht geht es Ihnen manchmal so: Sie schalten abends den Fernseher ein, zappen durch die Kanäle, sehen Billardspieler, denken sich: ,Oh nein, nicht schon wieder dieses Billard!’ – und schalten schnell weiter. Eine passende Frage dazu könnte lauten: ,Warum um Himmels Willen wird das bloß so oft gezeigt?’ Die Antwort: Es ist eben nicht einfach nur Billard, es ist Snooker!

Die Meistermannschaft des SC Breakers Rüsselsheim von 2007 (v. l. n. r.): Olaf Thode, Jörn Hannes-Hühn, Jörg Simon, Michael Heeger, Hans-Joachim Meyer, Ernst Seckes und Holger Marth. Foto: SC Breakers Rüsselsheim

„Es ist ein anderes Spiel, bei dem es niemals einfach’ wird“, benennt Michael Heeger, Vorstandsvorsitzender des 1. SC Breakers Rüsselsheim, eine der Eigenheiten des faszinierenden Präzisionsspiels. „Beim Poolbillard etwa kann man nach kurzer Zeit den Tisch in einer Aufnahme leeren. Beim Snooker bleibt dieses Ziel für die meisten unerreichbar. Der Tisch beim Snooker ist deutlich größer (Spielfläche 3,57 x 1,78 Meter), die Kugeln sind kleiner, das Effetspielen, also dem Ball einen Drall mitgeben, ist schwieriger und die Tascheneinläufe sind abgerundet, was das Lochen ebenfalls komplizierter macht. Hinzu kommt, dass man für das Leeren des Tisches in einer Aufnahme 36 Kugeln in Folge lochen muss. Beim Poolbillard sind das maximal neun oder zehn.“
In seinem Mutterland Großbritannien besitzt das Spiel seit vielen Jahrzehnten den Status eines Volkssports. Das legendäre Herzschlag-WM-Finale 1985 beispielsweise zwischen dem Nordiren Dennis Taylor und dem englischen Titelverteidiger Steve Davis im Mekka des Snooker, dem Crucible Theatre in Sheffield, war ein Straßenfeger. Bis zu 18 Millionen britische Fernsehzuschauer verfolgten die Partie – bis weit nach Mitternacht. Hierzulande nahm davon jedoch kaum jemand Notiz. Zu diesem Zeitpunkt gab es in Deutschland wahrscheinlich nur eine einzige Snookerhalle: in Hannover, eröffnet erst ein knappes halbes Jahr zuvor – von drei dort stationierten britischen Soldaten.

Aus „Lückenfüller“ wird Zuschauermagnet

Doch in den vergangenen zehn oder 15 Jahren erlebte Snooker einen weltweiten Boom. Inzwischen gibt es auf dem Erdball wohl schon mehr als 100 Millionen aktive Spieler, und mehr als 500 Millionen Menschen verfolgen Snooker-Partien als Zuschauer. In China wird schon mal ein Formel-1-Rennen zugunsten einer Snooker-Begegnung nicht übertragen. Dass dieser weltweite Snooker-Boom auch an Deutschland nicht spurlos vorbeigezogen ist, liegt in erster Linie am TV-Sender Eurosport. Vor etwa zwei Jahrzehnten mehr oder weniger nur als „Lückenfüller“ für kleines Geld ins Programm gehievt, entpuppte sich das Spiel mit den 22 Bällen rasch als regelrechter Zuschauermagnet. So erwarb Eurosport nach und nach die Rechte an so ziemlich allen großen Profi-Turnieren („World Snooker Tour“ oder auch „Snooker Main Tour“ genannt). Heute ist Snooker neben den ganz großen Disziplinen Fußball, Tennis und Radsport, sowohl was die Sendezeit als auch die Einschaltquote angeht, eine der Top-Fünf-Sportarten des TV-Senders. Rolf Kalb, deutscher Eurosport-Snooker-Kommentator der ersten Stunde, zählte für die Snooker-Saison 2017/2018 136 Tage mit insgesamt 650 Stunden Snooker im Eurosport-Programm. Dass Snooker diese Anziehungskraft auch hierzulande entwickeln konnte, lag und liegt zu einem nicht unwesentlichen Teil auch an Rolf Kalb selbst. Mit seiner ruhigen und angenehmen Art, Live-Spiele zu begleiten, seinem Sachverstand und seinem großen Engagement rund um den Sport hat er maßgeblich zu dessen Popularisierung beigetragen. „Rolf Kalb ist die Stimme des Snooker. Ohne Rolf Kalb ist Snooker in Deutschland nicht denkbar“, meint auch Michael Heeger.

ein langsam vor sich hin köchelndes, „Slow Burning Drama“.

Aber was macht Snooker eigentlich so faszinierend neben der Spannung des eigentlichen Wettkampfs? Für den Spieler Michael Heeger ist es „die Verbindung von technischem Können und Spielfertigkeit mit taktischem und strategischem Blick“. Ganz sicher, das souveräne, kreative und artistische Lösen kniffliger Spielsituationen macht auch beim Zuschauen enormen Spaß. Doch da ist noch mehr: Rolf Kalb beschrieb ein Match in seinem Buch „Die faszinierende Welt des Snooker“ als ein langsam vor sich hin köchelndes, ein „Slow Burning Drama“. 

Was allein zeitlich schon stimmt: Ein WM-Finale etwa wird über zwei Tage bestritten, man muss als erster 18 einzelne Spiele, Frames genannt, gewinnen. Ein Frame kann, je nach Verlauf, bis zu 60 Minuten oder sogar noch länger dauern. Man muss viele einzelne Bälle hochkonzentriert spielen, ein einziger Fehler kann einen Frame kosten. Bei so einem Ultra-Marathon ist Leidensfähigkeit gefragt. Denn Aufs und Abs sind unvermeidlich, niemand kann Spannung und Konzentration über eine so lange Zeit komplett halten, immer geduldig auf eine wirklich gute Gelegenheit zum sicheren Lochen warten – und jede Idee auch noch perfekt umsetzen. Es entstehen also im Laufe einer Partie viele Emotionen, denen aber nicht viel Raum gegeben wird, die sich aufstauen und sich schließlich doch auf irgendeine Weise Bahn brechen – Menschen sind schließlich keine Maschinen. Hinzu kommt die besondere Atmosphäre, denn Snooker ist ein eher stilles, gemächlich ablaufendes Konzentrationsspiel, bei dem strenge Kleidervorschriften den Spielern das elegante Erscheinungsbild eines Gentleman verleihen. 

Passend dazu wird auch Fairness enorm großgeschrieben: Eigene, von Gegner und Schiedsrichter unbemerkte Regelverstöße werden zum eigenen Nachteil angezeigt – wo gibt’s das sonst schon? Die Fernsehübertragungen mit einer festen Kameraeinstellung auf den kompletten Spieltisch und nur wenigen unaufgeregten Umschnitten, etwa auf die anvisierten Taschen oder die Reaktionen der Spieler nach einem Stoß, strahlen Ruhe aus, sorgen für eine Fokussierung auf das Wesentliche und machen das Anschauen einer Snooker-Partie im Fernsehen auch schon mal zu einem fast meditativen Ereignis. Wer sich gleich selbst ein Bild machen möchte: Aktuell und noch bis Sonntag, 5. Dezember, wird bei Eurosport aus dem englischen York das Weltranglistenturnier UK Championship übertragen. 

Sportliches Aushängeschild von Stadt und Region

Doch Snooker kann und muss man inzwischen in Deutschland ja nicht nur am Bildschirm verfolgen, man kann es auch live vor Ort erleben und spielen – dank Vereinen wie dem 1. SC Breakers Rüsselsheim. Bereits 1991, als in Deutschland immer noch kaum jemand den Begriff „Snooker“ überhaupt kannte, wurde in der Stadt am Main, genauer gesagt im Sportheim Alemannia in Königstädten, Pionierarbeit geleistet und der 1. Snooker Club Breakers Rüsselsheim 1991 e. V. aus der Taufe gehoben.

Ein Snookertisch mit der Grundstellung zu Framebeginn Foto: SC Breakers Rüsselsheim

Damit wurde der Grundstein für ein künftiges sportliches Aushängeschild nicht nur der Stadt, sondern der ganzen Region gelegt und eine ungewöhnliche Erfolgsgeschichte eingeläutet. „Im gesamten Kreis Groß-Gerau und der weiteren Umgebung gab es zu dieser Zeit nur zwei für das Snookerspiel überhaupt geeignete Tische“, erinnert Michael Heeger an die seinerzeitige Situation. Zwei der 20 Gründungsmitglieder gehören dem Verein übrigens nach wie vor an. „Noch heute ist der 1. SC Breakers der einzige ,reine’ Snookerverein in Hessen und einer der zehn größten reinen Snookervereine in Deutschland“, ergänzt der Vereinschef. Zudem ist er aktuell mit 80 Mitgliedern, davon immerhin sieben Frauen, der drittgrößte Billardverein Hessens. 1998 formierte sich schließlich eine vierköpfige Mannschaft, die zum Aushängeschild des Vereins wurde. Zunächst spielte sie in der 2. Bundesliga Süd – erreichte jedoch bereits in ihrer Premierensaison 1998/1999 auf Anhieb den direkten Aufstieg in die 1. Bundesliga – ohne eine einzige Niederlage. In der Folgesaison 1999/2000 verbuchte die 1. Mannschaft schließlich sensationell die bis heute größten Vereinserfolge: Man wurde Deutscher Mannschaftsmeister, Deutscher Pokalsieger und Gewinner des Supercups. Ein eigenes Vereinsheim (im Rudolf-Glauber-Weg) war der nächste Meilenstein, es konnte 2006 bezogen werden. Damit einher ging die Anschaffung von acht 12-Fuß-Snookertischen, die gebraucht erworben werden konnten – vier davon kamen in den 1990er Jahren im Profi-Bereich zum Einsatz. „Durch die Vereinsheime spielen auch deutlich mehr Jugendliche diesen Sport als früher. In den früheren Spielotheken musste man schließlich 18 Jahre alt sein“, nennt Michael Heeger einen wesentlichen Vorteil, der allgemein mit einer vereinseigenen Heimstätte einhergeht. Was aber nicht heißen soll, dass man schon genug Nachwuchsspieler hat, im Gegenteil: „Leider ist dieses Feld noch deutlich ausbaufähig.“

17 Jahre in Folge Snooker-Bundesliga

Sicherlich beflügelt durch das eigene Vereinsheim gelang den Rüsselsheimern in der Saison 2006/2007 der Gewinn einer weiteren Deutschen Mannschaftsmeisterschaft. Insgesamt war das Team vom Main 17 Jahre in Folge, von 1999 bis 2016, in der 1. Bundesliga vertreten – ein weiterer Glanzpunkt der Vereinshistorie. 2019 gelang dem Team als Meister der 2. Bundesliga Süd erneut der Sprung in die deutsche Snooker-Königsklasse, wo sie sich, mit etwas Glück, behaupten konnte. Der Corona-bedingt lange unterbrochene Spielbetrieb konnte erst vor wenigen Wochen wieder aufgenommen werden, die ersten beiden Spieltage der Erstliga-Saison 2021/2022 wurden am Bundestagswahlwochenende ausgetragen und endeten für die Rüsselsheimer mit einem Sieg (gegen den SC Hamburg) und einer Niederlage (gegen BC Break Lübeck). Das nächste Bundesliga-Heimspiel ist für den 20. Februar 2022 angesetzt (gegen DJK Offenburg). Interessierte Zuschauer sind willkommen.

 Mindestens zehn Weltmeister in Rüsselsheim

Doch in Rüsselsheim konnte und kann man nicht nur nationales, sondern immer wieder auch internationales Snooker-Flair erleben. Im Zuge der weltweiten Expansion der „World Snooker Tour“ wurde etwa in der Saison 2010/2011 eine „Players Tour Championship“ genannte, zusätzliche weltranglistenrelevante Spielserie ins Leben gerufen – mit dem „Rhein-Main-Masters“ in Rüsselsheim als einem Event.

Vom 22. bis 24. Oktober 2010 tummelte sich somit in der Walter-Köbel-Halle an zehn Spieltischen und drum herum jede Menge Snooker-Prominenz: So waren mit Steve Davis (1981, 1983, 1984, 1987, 1988, 1989), Stephen Hendry (1990, 1992, 1993, 1994, 1995, 1996, 1999), Ken Doherty (1997), Mark Williams (2000, 2003, 2018), Peter Ebdon (2002), Shaun Murphy (2005), Neil Robertson (2010), Mark Selby (2014, 2016, 2017, 2021), Stuart Bingham (2015) und Judd Trump (2019) allein sieben ehemalige oder amtierende und mindestens drei künftige Weltmeister am Start.
Neben diesem Super-Event finden beim 1. SC Breakers Rüsselsheimer immer wieder so genannte Exhibitions statt – Showveranstaltungen, bei denen sich prominente Spieler nach Abschluss der Saison nach der WM im Mai sozusagen als Botschafter ihres Sports gerne über die Schulter blicken lassen. 2019 waren mit Steve Davis und Ken Doherty gleich zwei Ex-Weltmeister zu Gast. Die nächste Veranstaltung dieser Art, die Corona-bedingt 2020 und 2021 nicht stattfinden konnte, ist für Samstag, 7. Mai 2022, geplant. Erwartet wird mit dem dann 30-jährigen Engländer Kyren Wilson der amtierende „World-Games“-Sieger, ein WM-Finalist von 2020 und der aktuell Viertplatzierte der Snooker-Weltrangliste – also ebenfalls ein absoluter Top-Star. Aber bereits zuvor gibt es in Rüsselsheim einen Grund zu feiern, und zwar den 30. Geburtstag des Vereins. Zu diesem Anlass begrüßen die Breakers im Rahmen einer Exhibition am Freitag, 17. Dezember, die beiden aktuell einzigen in der „Snooker Main Tour“ aktiven deutschen Profis Lukas Kleckers und Simon Lichtenberg. Wer sich für Snooker und den 1. SC Breakers Rüsselsheim interessiert, findet weitere Infos auf der Internetseite des Vereins www.scbreakers.de – etwa zu Schnuppertrainings (alle zwei Wochen mittwochs von 18 bis 21 Uhr – nächster Termin: 1. Dezember). Auch auf Facebook und Instagram ist der Verein vertreten.

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