VRM Wochenblätter

07. Apr 2022 | Gesellschaft

Gesundheitsberufe

Wichtig für unsere Gesellschaft: vom Gesundheits- und Krankenpfleger bis zum Osteopathen

Von Madeleine Werz

Die Gesundheit: Ein Thema, welches uns alle betrifft und welches in den vergangenen zwei Jahren sehr in den Fokus unserer Gesellschaft gerückt ist. Was bedeutet „Gesundheit“ eigentlich? Die Weltgesundheitsorganisation beschreibt sie als einen Zustand völlig körperlichen, geistigen, seelischen und sozialen Wohlbefindens. Sie ist fester Bestandteil des alltäglichen Lebens. Doch was passiert, wenn die Gesundheit einmal angeschlagen ist? Genau dann sind wir auf die Menschen angewiesen, die in Gesundheitsberufen arbeiten. Heutzutage gibt es eine Vielzahl an Gesundheitsberufen, darunter fallen beispielsweise Ärzte, Apotheker, Ergotherapeuten, Gesundheits- und Krankenpfleger sowohl für Erwachsene als auch speziell für Kinder, Altenpfleger, Notfallsanitäter, Psycho- und Physiotherapeuten und viele mehr – eben die Profis für unsere Gesundheit.

Foto: Blue Planet Studio / stock.adobe.com

Gesellschaftliche Anerkennung: Wissen wir eigentlich, was tagtäglich in den Gesundheitsberufen geleistet wird? Wie gehen die Menschen, die in diesen Berufen arbeiten, mit den Reaktionen aus der Gesellschaft um?

„In Sachen Krankenpflege ist die Anerkennung in der Gesellschaft zwiegespalten. Einerseits hört man „Wow, meinen größten Respekt, ich könnte das nicht!“ oder ein „Na ja, ist ja nur bisschen waschen und Kaffee machen“. Es fehlt leider nicht nur die Akzeptanz, sondern auch das Wissen darüber, was wirklich hinter den Pflegeberufen steckt“, erklärt Alina*, eine 24-jährige Gesundheits- und Krankenpflegerin aus Frankfurt am Main. Tagtäglich kümmert sie sich zusammen mit ihren Kolleginnen und Kollegen um das Wohlergehen der Patienten auf Station. „Gerade im Umgang mit Patienten oder Angehörigen habe ich oft das Gefühl, dass mir viel Respekt und Anerkennung entgegengebracht wird“, erzählt Ricardo, ihr Kollege von der Intensivstation, der außerdem als Rettungssanitäter tätig ist, „Was wahrscheinlich damit zusammenhängt, dass sie sehen, was ich für ihre Gesundheit, beziehungsweise ihr Wohlergehen leiste. Allerdings lässt auch das relativ schnell wieder nach, nämlich dann, wenn es mal nicht so läuft, wie es sich die Patienten oder die Angehörigen gerade vorgestellt haben.“ Der inhaltliche Anspruch an Pflege- und Gesundheitsberufe ist hoch, denn die Aufgabengebiete sind vielfältig und beinhalten ein hohes Maß an Verantwortung.
„Wirklich darüber sprechen, was genau ich eigentlich in meinem Beruf erlebe, will niemand. Keiner fragt genauer nach oder interessiert sich ernsthaft. Die aller wenigsten wissen überhaupt, was Kinderkrankenpflege ist“, unterstreicht Hannah, eine Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin aus der Mainmetropole. Pflegende dringen täglich in sensible Lebensbereiche der Patienten ein, deshalb ist in diesen Berufen auch Reflexionsfähigkeit und Gelassenheit gegenüber stressigen Situationen notwendig. Thomas, ein 45-jähriger Altenpfleger aus dem Hochtaunuskreis, erklärt: „Es heißt nicht umsonst, dass man in Pflegeberufen oder generell auch in Gesundheitsberufen körperlich und auch psychisch belastbar sein muss. Wir sind hier Ansprechpartner für Menschen, die unsere Hilfe brauchen, und tragen dabei eine riesige Verantwortung. Wir können Probleme nicht einfach nach hinten schieben, wir müssen immer direkt handeln. Oft wird man belächelt, wenn man sagt, dass man als Altenpfleger arbeitet. Warum? Weil die meisten gar nicht wissen, was wir hier alles leisten.“
Eine Vielzahl an Informationsmöglichkeiten und Kampagnen bieten einem die Chance, sich jederzeit über die verschiedenen Gesundheitsberufe zu informieren. Auch das Bundesministerium für Gesundheit hat dazu die Kampagne „Mehr als nur ein Job“ ins Leben gerufen, welche man online verfolgen kann.

Der liebevolle Umgang zwischen Pflegern und Patienten hilft dem Wohlergehen im Krankenhaus. Foto: pikselstock – stock.adobe

Profis für unsere Gesundheit: Ärzte sind für Groß und Klein da. Foto: 3_Dan Race stock.adobe.com

Solidarität in der Pandemie: Die Gesundheits- und Pflegeberufe standen zwischenzeitlich im Rampenlicht unserer Gesellschaft – vom Balkonklatschen bis hin zu großen Plakaten. Doch was hat es letztendlich bewirkt?

„Aufgrund der Corona-Pandemie gab es natürlich kurzzeitige starke Anerkennung und Begeisterung für die Pflegeberufe“, so Alina, „Das Klatschen von den Balkonen und die Zurufe waren allerdings nicht von langer Dauer. Die Problematik der fehlenden und anerkennenden Bezahlung und des Personalmangels bleibt bestehen.“ Ihr Kollege Ricardo kann nur zustimmen: „In der Gesellschaft und Politik ist die Pflege durch Corona kurzzeitig mal in den Mittelpunkt geraten und hat etwas Aufmerksamkeit bekommen. Für viel mehr als Klatschen und einen lächerlichen Corona-Bonus, der nicht mal im Ansatz die schlechte Bezahlung gut macht, hat es nicht gereicht. Im Gegenteil, unter Corona sind die Bedingungen noch deutlich schlimmer geworden. Personaluntergrenzen wurden ausgesetzt und das Personal wurde von den Pflegedienstleitungen regelrecht verheizt. Eine wirkliche Anerkennung für diese Leistung hat es nicht gegeben, weder von der Politik noch von der Gesellschaft.“
Auch Stephan, ein Assistenzarzt aus Frankfurt, macht deutlich: „Während der Corona-Pandemie ist manchen Leuten aufgefallen, dass die Arbeit im Gesundheitswesen durchaus mit Risiken und Gefahren verbunden sein kann, was in dieser bestimmten Gruppe die Anerkennung für die Arbeit im Gesundheitswesen durchaus gesteigert hat. Besonders nachhaltig scheint mir dieser Effekt jedoch nicht zu sein. Inzwischen überwiegt wohl doch eher die Sehnsucht nach einem Ende der Pandemie und allem, was damit zu tun hat.“
Die Corona-Pandemie hat vieles verändert und uns alle stark gefordert. Während sich ein großer Teil der Gesellschaft mit Existenzängsten und Sorgen plagte, standen die Gesundheitsberufe vor einer riesigen Herausforderung. „Die Pandemie hat sowohl bei den Patienten als auch bei den Therapeuten für eine erhöhte Vorsicht und Sorgsamkeit im gemeinsamen Umgang gesorgt“, erklärt Niklas, ein angehender Osteopath aus Idstein, „Da die Osteopathie ein sehr patientennaher Beruf ist, lässt sich der Sicherheitsabstand von eineinhalb Metern nicht einhalten. Manchen Patienten ist es in der Pandemie unangenehm geworden, anderen Menschen so nahe zu kommen, und sie gehen deshalb nicht mehr zu ihrem Osteopathen. Auf der anderen Seite hat sich mit der Behandlung von „Long-Covid-Patienten“ eine neue Art von Patienten in den Praxen vorgestellt, die hoffen, dass die osteopathische Therapie ihre Symptome vielleicht lindern kann.“ Osteopathie ist eine natürliche, medizinische Behandlungsmethode, bei der die Diagnostik und auch die Behandlung mit den Händen erfolgen.

Doch nicht nur die Hygienemaßnahmen haben Einfluss auf die Arbeit in den Gesundheitsberufen genommen, sondern auch die Kontaktbeschränkungen. „Unsere Bewohner litten sehr unter den Corona-Maßnahmen. Sie konnten keine Besuche mehr empfangen, Familienangehörige und Freunde standen auf dem Parkplatz und haben von dort aus gewunken. Wie oft sind Tränen geflossen, denn sie haben sich doch einfach nur eine herzliche Umarmung von ihren Liebsten gewünscht. Uns hat es teilweise das Herz zerrissen. Wir haben natürlich versucht, unseren Bewohnern dann viel Liebe zu schenken, aber konnten wir denn allen so gerecht werden? Ich glaube nicht, denn auch wir waren teilweise hoffnungslos überfordert mit der Situation“, gibt Altenpfleger Thomas traurig zu. 

Keine Selbstverständlichkeit: Den Wert der Gesundheitsberufe in Zukunft schätzen

„Für die Zukunft würde ich mir ein Umdenken in der Gesellschaft wünschen, diesen Beruf nicht mehr als selbstverständlich zu betrachten. Darüber hinaus würde ich mir wünschen, dass die Gesundheits- und Krankenpflege in der Öffentlichkeit als der wundervolle Beruf dargestellt wird, welcher er wirklich ist. Denn dieser ist so viel mehr als pflegen und Medikamente oder Essen verteilen. In manchen Situationen bin ich eine Zuhörerin, enge Vertraute, Trösterin oder Comedian und bekomme so viel mehr von diesen Menschen zurück, als ich ihnen in ihrer Not geben kann. Es sollte nie vergessen werden, dass alle Menschen einmal krank und wir alle auch älter werden und dann eine fachgerechte, liebevolle und verdiente Pflege benötigen“, erzählt Pflegerin Alina.
Gewisse Vorbereitungen können den Menschen in Gesundheitsberufen ihren Berufsalltag übrigens auch leichter machen. „Ich würde mir wünschen, dass Angehörige sich schon früher mit ihrer Oma, Mutter oder Opa, Vater zusammensetzen und viele rechtliche Fragen zusammen durchgehen – also eine Patientenverfügung verfassen und besprechen wer im Fall der Fälle die Versorgungsvollmacht übernimmt und so weiter. Gerade diese Unterlagen sind bei uns auf der Intensivstation essenziell notwendig, damit wir genau wissen, wie wir mit dem Patienten weiter vorgehen können. Es vereinfacht uns die Arbeit immens, macht das Ganze aber auch deutlich angenehmer für den Patienten, weil sein Wille und seine Wünsche berücksichtigt werden können“, macht Ricardo noch einmal deutlich.

Gemeinsam zu helfen, kann uns allen helfen 

Doch nicht nur der Wunsch nach Anerkennung in der Gesellschaft ist groß, auch die Zusammenarbeit untereinander ist gefragt. „Bei Problemen, in der die Schulmedizin nicht helfen kann, könnte beispielsweise an einen Osteopathen verwiesen werden und umgekehrt. Wichtig ist hier jedoch, dass die Therapeuten die Grenzen ihrer Fachkompetenz kennen und den Patienten keine aussichtslose Therapie anbieten. Durch engeren, fachgebietsübergreifenden Kontakt und Austausch zwischen Osteopathen und Medizinern könnte die bestmögliche Behandlung für den Patienten eruiert und umgesetzt werden. Es gibt hierbei bereits gute Ansätze, diese sollten weiter ausgearbeitet werden, um das Patientenwohl zu gewährleisten“, erzählt Niklas. Diese Vorgehensweise lässt sich sicherlich auch in anderen medizinischen Bereichen umsetzen. Letztendlich bleibt aber ein Punkt, den die Menschen in den Gesundheitsberufen als den Notwendigsten sehen: Die Zeit für die Patienten und Angehörigen. „Hilfreich wäre mit Sicherheit hier und da eine realistische Einschätzung der Situation in Bezug auf unser Gesundheitssystem. Die Mängel werden tendenziell eher mehr, und die Zeit und Aufmerksamkeit für den Einzelnen neben anderen Aspekten entsprechend weniger“, erklärt Assistenzarzt Stephan abschließend.
Eines steht fest: Die Gesundheitsberufe sind viel mehr als nur ein Job und für unsere Gesellschaft enorm wichtig. (*Die Namen wurden von der Redaktion geändert.)

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