VRM Wochenblätter

24.08.22 | Leseraktion

Literarische Leichtgewichte

E-Books machen das Lesen schöner – oder doch nicht? Eine Bestandsaufnahme

von Redaktion

Kleiner Helfer mit Konfliktpotenzial. Ein E-Book-Reader erleichtert das Lesen. Doch kann er das Gefühl ersetzen, ein Stück (Welt-)Literatur in den Händen zu halten? Foto: Felix Lieb

Schwere Kost ist es, die der Literaturbetrieb zuweilen unters Volk bringt. Wehe dem, der darunter nur das inhaltliche Gewicht versteht. Ein 900-Seiten-Schinken kann schon das eine oder andere Kilo auf die Waage bringen. Gut dem, der da einen kleinen handlichen E-Book-Reader in den Händen hält, der Goethes Faust auf die Größe eines Mikrochips schrumpfen lässt. Ein weiterer Meilenstein der schönen neuen digitalen Welt? Wenn es doch so einfach wäre.
Erhellend
E-Books und insbesondere die E-Book-Reader bieten zahlreiche Vorzüge, mit denen das gedruckte Werk nicht mithalten kann. Die Möglichkeit, die Schriftgröße des Textes zu verändern, kommt (nicht nur) jenen zugute, deren Sehkraft beeinträchtigt ist, beugt Ermüdungserscheinungen vor und fördert die Leselust. Die meisten Geräte bieten dazu eine integrierte Beleuchtung, die verhindert, dass zu später Stunde die unmittelbare Umgebung nebst Lebenspartner mitbeleuchtet wird. Auch bei Fremdwörtern kann das fehlende Wissen um deren Bedeutung schnell über digital verfügbare Nachschlagewerke oder dem Zugang zum Web kompensiert und das Textverständnis ohne große Verzögerung aufrechterhalten werden. E-Book-Reader besitzen dazu eine weitaus längere Akku-Laufzeit als Tablets und warten im Vergleich zu diesen mit einer matten Bildschirmoberfläche auf. So ist auch bei intensivster Sonneneinstrahlung die Schrift ohne Probleme erkennbar.

Und dann ist da natürlich das Gewicht. Vor allem Leser, die innerhalb weniger Tage Massen an Seiten verschlingen, müssen dafür unterwegs nicht mehr kiloweise Gepäck mit sich herumschleppen. Sie laden ihre Wunschliteratur auf ein wenige Gramm schweres überaus platzsparendes Gerät, das Speicherplatz für Hunderte von Werken bereit hält. Für E-Books spricht zudem die ortsunabhängige schnelle Verfügbarkeit. Ein E-Book ist mit nur ein paar Klicks von überall dort, wo eine Verbindung zum Internet besteht, beziehbar.
Die Macht des Haptischen
So weit so gut. Oder doch nicht? Lesen ist ein emotional geprägter Vorgang. Das zeigt sich auch im Nutzerverhalten. In einer Ende 2021 von Bernhard Weidenbach und dem Statistischen Bundesamt veröffentlichten Studie begründen etwa 73Prozent der Befragten den Umstand, nicht mehr auf digitale Bücher zurückzugreifen, damit, dass sie gedruckte Bücher gerne in der Hand halten. Für immerhin 53 Prozent spielt das Empfinden des gedruckten Buches als „schön“ eine elementare Rolle.
Es geht um das Haptische, das Tasten und „Begreifen“ des Gedruckten, um das Sehen und das Betrachten. Gebrauchsmerkmale, Eselsohren oder auch Notizen vereinen sich zu Spuren der Verbindung des Lesers zum Werk, erwecken einen scheinbar toten Zusammenschluss von Fasermaterial und Druckerschwärze zum Leben. Mehr noch: Ein gedrucktes Buch altert. Und das ist eben nicht nur schlecht.
Zwar besteht auch bei E-Books darüber hinaus die Möglichkeit, Exemplare zu archivieren und abzurufen. Doch dieses Archiv ist eine abstrakte Form, die das Werk im nicht greifbaren, digitalen Orbit verschwinden lässt. Das Buch als Sammel- und Archivmedium wird damit ad absurdum geführt. Und auch die Weitergabe, der Verleih eines Buches, prägend für die Seitenform, ist auf digitalem Weg nicht oder nur mit Einschränkungen möglich.
Denn die Etablierung digitaler Formate geht immer wieder mit der Frage einher, ob diese auch geöffnet und so nutzbar gemacht werden können. Ausgerechnet der Onlinegigant Amazon hat über seine Reader und die nur auf diesen nutzbaren Dateien die Abhängigkeit von digitalen Formaten vor Augen geführt. Vor allem zu Beginn hieß das gerade für Buchhändler, dass sie im E-Book-Segment nichts verdienten, aufgrund der fehlenden Erlaubnis, E-Book-Reader, geschweige denn das dafür gedachte Dateiformat, zu vertreiben. Mittlerweile hat sich das geändert. „Offene“ Dateitypen wie ePub sowie auch jenseits von Amazon erwerbbare Reader sind auf den Markt gekommen. Folgerichtig sind viele Buchhändler dazu übergegangen, E-Books und -Reader in ihr Warenportfolio aufzunehmen. Dennoch steht der lokale Buchhandel primär für das Angebot des gedruckten Wortes und nicht für E-Books.
Es gibt, wie erwähnt, durchaus gute Gründe für das E-Book. Der Preis ist es nicht, da E-Books wie auch gedruckte Bücher der Buchpreisbindung unterliegen, deshalb im Regelfall nicht billiger sind. Womöglich ein Grund, warum E-Books (noch) weit davon entfernt sind, den Druck-Erzeugnissen den Rang abzulaufen. Laut Statistischem Bundesamt lag der Absatz von E-Books im Jahr 2020 bei etwa 35,8Millionen Stück. Trotz steigender Tendenz liegt damit der Anteil am Gesamtumsatz im Buchmarkt gerade mal bei knapp sechs Prozent (Stand 2020). Aus dem wissenschaftlichen Betrieb ist das E-Book zumindest nicht mehr wegzudenken. Schon seit Jahrzehnten sind wissenschaftliche Aufsätze als PDF beziehbar. Mehr noch: Ein solches digitales Angebot ermöglichte es Studenten gerade in Hochzeiten der Corona-Pandemie, als die Präsenz vor Ort stark eingeschränkt war, auf digitalem Weg auch Monografien und seitenstärkere Werke zumindest digital auszuleihen.
Das Bibliothekswesen offenbart gleichwohl einen elementaren Konflikt: den der Lizensierungen. Sind öffentliche Bibliotheken über Bibliothekstantiemen, die der Staat an Verlage und Autoren zahlt, in der Lage gedruckte Bücher in der Regel kurz nach Erscheinen in ihren Leihbestand aufzunehmen, ist ihr E-Book-Bestand wenig aktuell. Denn für diese müssen sie mit den Verlagen einzeln über deren Lizenzierung verhandeln. Derzeit schwelt ein Konflikt zwischen Bibliotheken auf der einen und Verlagen und Autoren auf der anderen Seite. Aspekte wie die gesellschaftliche Funktion von Bibliotheken zu fördern, kollidieren unter anderem mit Urheberrecht, fairer Honorargestaltung sowie Verhandlungs- und Vertragsfreiheit. Ausgang noch offen.
Ungeachtet dessen sind E-Books sicher nicht als Sargnagel der Lesekultur zu bezeichnen. Im Gegenteil. Sie bedienen schlicht andere Nutzungsvorlieben. Zudem sollte ein literarisches Werk seine Wirkweise nicht über das Medium, sondern den Inhalt entfalten. So lange das Lesen in unserer Gesellschaft gefördert wird, bleibt es unerheblich, ob dies über die gedruckte oder die digitale Version geschieht.

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