VRM Wochenblätter

26.08.22 | Leseraktion

„So viel mehr als ein Ort des Lesens“

Wochenblatt-Interview mit Simone Roth, der Leiterin der Stadtbibliothek Darmstadt

von Redaktion

In der LeseGut-Serie, die der Förderung und der Feier des Lesens dient, darf das Porträt einer öffentlichen Bibliothek natürlich nicht fehlen. Die Redaktion der SüWo-Wochenblätter hat dafür die Stadtbibliothek Darmstadt ausgewählt – die größte kommunale Bibliothek in der Region – und deren Leiterin Simone Roth zu einem Interview gebeten. Die Fragen stellten die SüWo-Redakteure Bettina Gutschalk, Tino Friederich und Peter Luckhaupt.

Simone Roth ist seit Februar 2020 Leiterin der Stadtbibliothek Darmstadt. Die Diplom-Bibliothekarin hat Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Soziologie studiert. Die Stadtbibliothek Darmstadt besteht aus einer Hauptstelle im Justus-Liebig-Haus, zwei Stadtteilbibliotheken in Eberstadt und Kranichstein sowie einer Fahrbibliothek mit Bücherbus und Magazin. www.darmstadt.de/leben-in-darmstadt/bildung/stadtbibliothek

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Die Leiterin der Stadtbibliothek, Simone Roth.  Foto: Wissenschaftsstadt Darmstadt

Hat die Zahl derjenigen, die wie Sie Bücher lieben, in den vergangenen Jahren/Jahrzehnten abgenommen? 

Nein, diesen Eindruck habe ich nicht. Es gab immer Menschen, die sich für Bücher interessierten oder eben auch nicht. Zusätzlich haben sich die Möglichkeiten in unserer Informationsgesellschaft erweitert, etwa durch digitale Angebote wie E-Books oder Hörbücher etc. 

Welche Gewohnheiten der Bibliotheksnutzer haben sich in den vergangenen Jahren hauptsächlich geändert? 

Zunächst einmal: Bibliotheken sind in einem stetigen Wandel. Hier gibt es inzwischen ein breit gefächertes Medienangebot, das es in meiner Kindheit so nicht gab. In der Darmstädter Stadtbibliothek findet man einen aktuellen und umfangreichen Medienbestand mit Romanen, Kinder- und Jugendbüchern, Spielen, Comics und Mangas, Filmen, Musik-CDs, Hörbüchern, Zeitungen und Zeitschriften, Sachbüchern aus vielen Wissensgebieten (unter anderem Naturwissenschaften, Reiseführer, IT, Recht, Medizin, Sport), fremdsprachigen Medien, Konsolenspielen etc. Hinzu kommt ein wachsendes digitales Angebot mit E-Medien, Presseportalen und Nachschlagewerken, das man rund um die Uhr nutzen kann, sowie Internet und WLAN. Leseförderungsangebote in unterschiedlichster Form runden das Angebot ab. Das zu uns.

Seitens der Besucher hat die Selbstbedienung zugenommen, so erlauben etwa RFID-Selbstverbuchungsgeräte die selbstständige Ausleihe und Rückgabe von Medien. Darüber hinaus sind Bibliotheken heute weniger Ausleihstationen, sondern zunehmend Orte der Begegnung, des Austausches und der Inspiration. Besucher schätzen die Bibliothek mehr und mehr als Lern-, Arbeits- und Aufenthaltsort und genießen die besondere Atmosphäre in einer Bibliothek. 

Wie ist das bei den Kindern? Lesen sie überhaupt noch oder muss man schon zufrieden sein, wenn sie sich ein Hörbuch auf dem Tablet anhören?

Seit Jahren wird prognostiziert, dass das Buch bei Kindern an Bedeutung verliert und durch andere Medien ersetzt wird. Die Ausleihzahlen gerade bei der Kinder- und Jugendliteratur sprechen eine andere Sprache. Neue Buchformate wie Comicromane, das Aufgreifen bei Kindern beliebter Themen (etwa Fantasy) weckt die Leselust. Lesemuffel werden durch digitale Leseförderprojekte wie „Antolin“ zum Lesen animiert.

Ja klar, die Kinder, die uns besuchen, lesen sehr gerne, und die Kinder, die nicht so gerne lesen, finden bei uns andere Medien wie zum Beispiel Hörbücher, die die Fantasie anregen. Durch verschiedene Medienformen wie Tiptoi-Bücher oder Tonies sowie Sachmedien, Romane oder Comics kann man Kinder sehr motivieren und ihre Leselust wecken. Vorlesebücher wecken die Neugierde.

Apropos Neugierde und Nachfrage: E-Reader – welche Altersgruppe nutzt diese am meisten, welche am wenigsten?

Aus meiner persönlichen Wahrnehmung insbesondere Erwachsene, die die Vorteile eines E-Readers (z.B. Tragbarkeit, Schriftvergrößerung) sehr schätzen. Viele nutzen aber auch ihr Smartphone oder ihr Tablet …

Gerade auch Kinder wollen ihr Buch gerne in den Händen halten, das Umblättern und Betrachten der Bilder beim Vorlesen ist ein wichtiger Grundstein, um Leselust zu wecken.

E-Book verglichen mit Echt-Buch, wie sieht der Trend aus? Und was leistet das Echt-Buch, was das E-Book nicht kann – und umgekehrt?

Grundsätzlich muss man sagen, dass das Lesen im Vordergrund steht und nicht das Format des Mediums. Ob Buch oder E-Book, Hauptsache ist doch, die Leselust wird geweckt.

Die digitalen Bücher holen auf, das gedruckte Buch hat Konkurrenz bekommen, der Trend geht zum Digitalen, jedoch schätzen Benutzer*innen nach wie vor das gedruckte Buch, sei es aus langjähriger Gewohnheit, aufgrund der Haptik, der bevorzugten Nutzung. E-Books sind jedoch auch toll, etwa muss man nach der Ausleihe nicht daran denken, es zurückzugeben, es wird kein Papier verbraucht, geringes Gewicht, schnelle Verfügbarkeit der Titel, sie eignen sich besonders für Reisen, für unterwegs.

Angesichts des letztlich begrüßenswerten Gigantismus des Buch- und Medienmarktes – wie treffen Sie und ihre Kolleg*innen die Medienauswahl?

Die Medienauswahl erfolgt entsprechend des Bestandsprofils durch die Lektor*innen, die jeweils für ein bestimmtes Bestandssegment verantwortlich sind, nach bibliotheksfachlicher Begutachtung unter anderem von bibliothekarischen Besprechungsdiensten, und sie ist nachfrage- und benutzerorientiert. Dabei spielen zum Beispiel Trends eine Rolle, aber auch Leser*innenwünsche.

In dem Zusammenhang: Wissen die durchschnittlichen Bibliotheksnutzer*innen, was sie von wem lesen oder hören wollen, oder lassen sie sich überraschen und suchen Anregungen? Und welche Rolle haben Sie und ihre Kolleg*innen dabei?

Sowohl als auch: Es gibt Leser*innen, die genau wissen, was sie wollen, die gezielt nach Titeln im Katalog suchen. Andere gehen direkt an das Regal und lesen die gewünschte Zeitschrift oder Zeitung vor Ort. Doch es kommen ebenso Kund*innen, die eine Beratung wollen, zum Beispiel suchen sie Romane, die an der Ostsee spielen, oder ein Schüler sucht für sein Geschichtsreferat nach entsprechender Literatur. Oder es werden Erstlesebücher für Kinder gesucht, in denen Hunde eine Rolle spielen. Oder es wird nachgefragt, ob es zu dem bereits gelesenen Roman eine interessante Literaturverfilmung gibt, oder, oder, oder …

Unsere berufliche Qualifikation (Ausbildung beziehungsweise Studium) beinhaltet neben der Informationsbeschaffung auch die Informationsvermittlung und Beratung.

Stehen Sie und Ihre Kolleg*innen im erweiterten Austausch mit einigen ihrer treuen Besucher*innen, etwa bei Neuanschaffungen?

Ja, selbstverständlich, zum Beispiel durch Anschaffungsvorschläge, gute Tipps und Empfehlungen, Beratungsgespräche und so weiter.

Die typische junge „Leseratte“, vermuten wir, gibt es noch und auch weiterhin. Freut es Sie, diese jungen Leute glücklich zu machen?

Ja, natürlich, und dies ist auch eine der vielen schönen Erfahrungen in der Bibliotheksarbeit.

Wir vermuten auch unter der Spezies „Leseratte“ mehr Mädchen?

Es freut uns, dass bei uns auch Jungs den Medienbestand gut nutzen. Sie finden ein breites und aktuelles Angebot an verschiedenen Medien. In den letzten Jahren sind viele neue Bücher in der Kinderliteratur erschienen, die sowohl Mädchen als auch Jungen begeistern.

Was kann das Bücherlesen Ihrer Meinung nach leisten?

Das Lesen bietet so viel Möglichkeiten und Anregungen, zum Beispiel Teilhabe (Eintauchen in andere Welten), oder Erwerb von Sprachvermögen und Ausdrucksfähigkeit, Übung von längerer Konzentrationsfähigkeit, Fantasieentwicklung, Steigerung der Empathiefähigkeit, Informationsgewinnung, Welterkenntnis, Aufklärung, Trost und vor allem Leselust und Lesefreude. Durch das Lesen kann ich Distanz zum Alltag gewinnen, Abschalten und zur Ruhe kommen. Lesen ist sinnstiftend, lässt mich reflektieren und vieles mehr. Und daher ist auch die Leseförderung ein Kerngeschäft für uns.

Wenn Sie „deutsche Buch- oder Medienministerin“ wären, was wären Ihre ersten Maßnahmen zur Leseförderung bei Erwachsenen und Kindern?

Ich bin sehr glücklich mit meiner Berufswahl und bleibe Bibliothekarin. Doch zum Beispiel Leseförderung durch kostenfreie Leseaktionen, Werbung und Imagekampagnen, für gut ausgebaute Bibliotheken als Erlebnisorte eintreten …

Die öffentliche Bibliothek gesehen als Verweilort – welche Menschen verbringen längere Zeit in einer Bibliothek?

Ja, alle Altersgruppen kommen und verbringen längere Zeit in einer Bibliothek. Kinder lesen gemeinsam mit Eltern in der Bibliothek oder genießen das Vorlesen, Jugendliche und Studierende lernen einzeln oder in der Gruppe in der Bibliothek, Deutschlernende treffen sich hier gerne, Zeitungs- und Zeitschriftenleser_… Die Nutzung der Bibliothek ist vielgestaltig. Zunehmend werden öffentliche Bibliotheken als Lern- und Arbeitsort wahrgenommen, die Arbeits- und Leseplätze werden sehr gerne genutzt. Hier kann ich nach Medien suchen, chillen, das WLAN nutzen, Spiele ausprobieren, einen Bildband betrachten … und das alles wäre undenkbar ohne das tolle, kompetente und engagierte Team der Stadtbibliothek Darmstadt.

Welche besonderen Angebote macht die Darmstädter Stadtbibliothek?

Wir sind eine Bildungs-, Informations- und Kultureinrichtung für alle Bürger*innen. Wir sind ein nicht-kommerzieller öffentlicher Ort und insbesondere auch Treffpunkt, Lern-, Arbeits- und Aufenthaltsort sowie Veranstaltungsort. Man kann hier gut seine Freizeit verbringen. In der Hauptstelle gibt es eine große Kinder- und Jugendabteilung mit vielseitigem Angebot vom Pappbilderbuch bis zum Jugendroman. Das Medienangebot umfasst auch eine Elternbibliothek, die speziell auf die Informationsbedürfnisse von Eltern ausgerichtet ist. Unser Angebot beinhaltet unter anderem Bibliothekseinführungen, Klassen- und Kitaführungen, Vorlesestunden, Lesungen, Ausstellungen, Medienpräsentationen, Medienboxen für den Unterricht, Leseförderungskampagnen und -aktionen etc. sowie den Darmstädter Bibliothekskurier, unseren „Medienlieferservice“. Das ist eine Kooperation mit der „Bürgerstiftung Darmstadt“ und „Ehrenamt für Darmstadt“. Der Service wendet sich an Menschen, die wegen Erkrankungen, Behinderungen sowie altersbedingt dauerhaft nicht mobil sind.

In jüngster Zeit häufen sich Computerausfälle und Systemstörungen in allen Bereichen. Könnten Sie bei einem längeren Ausfall die Bücherei wieder auf „Handbetrieb“ umschalten oder ist sie jetzt „für immer“ von der Technik abhängig?

Über einen gewissen Zeitraum können technische Ausfälle überbrückt werden, etwa beim Ausleihvorgang von Print-Medien. Was nicht klappt, ist die Nutzung des Katalogs oder die Nutzung digitaler Medien. Der Bestandsaufbau würde sich ebenso schwierig gestalten …

Welchen Stellenwert haben Bibliotheken Ihrer Meinung nach in unserer Gesellschaft?

Bibliotheken haben einen bedeutenden Stellenwert als Orte der Leseförderung. Kinder sind eine große Zielgruppe. In einer Bibliothek kann ich den Tag verbringen, mich inspirieren lassen, mich informieren. Jede/r kann ohne Bibliotheksausweis kommen und die Bibliothek vor Ort nutzen. Die Ausleihe ist kostengünstig, für Kinder ist der Bibliotheksausweis in Darmstadt kostenlos, Erwachsene zahlen zehn Euro pro Jahr, es gibt Ermäßigungen. Die Bibliothek hat eine wichtige soziale Funktion als Treffpunkt und Ort der Begegnung. Wir bieten allen Bürger*innen in allen Altersstufen Zugang zu Information, Wissen und Kultur und fördern mit unserem Medienangebot Meinungs- und Informationsfreiheit, vermitteln Medien- und Informationskompetenz für den lebenslangen selbstständigen Wissenserwerb. Kurz gesagt: Die Bibliothek macht rundherum Lust aufs Lesen.

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