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12.07.23 | Lokalausgaben

In welchem Loch ist der Nibelungenhort versteckt?

Im Nibelungenlied versenkt Hagen von Tronje den Schatz im Rhein / Der genaue Ort ist bis heute unklar geblieben

von Redaktion

Wurde Siegfried in Heppenheim ermordet?<br />
Foto: Karl-Heinz Köppner

Der Sage nach soll Hagen von Tronje den Nibelungenhort im Rhein versenkt haben, woran ein Denkmal an der Wormser Rheinpromenade erinnert. Archivfoto: Photoagenten/Andreas Stumpf

So klamm, wie manche Städte in unserer Region finanziell dastehen, könnte man meinen, dass sie in ihren Haushaltskassen große, das Steuergeld verschlingende Löcher haben. Was natürlich eine etwas unfaire Sichtweise ist, weil die Kommunen eine ganze Reihe von Pflichtaufgaben erfüllen müssen, für die sie von ihrem Bundesland nur unzureichend mit Finanzmitteln ausgestattet werden – so sieht es zumindest der Städtetag Rheinland-Pfalz, während die Landesregierung naturgemäß anderer Auffassung ist, was bereits wiederholt zu gerichtlichen Auseinandersetzungen geführt hat. Da käme ein Schatz wie der legendäre Nibelungenhort nicht ungelegen.

Auf dem Grund des Rheins

Doch selbst wenn man die im Nibelungenlied geschilderten Ereignisse allesamt für bare Münze nehmen würde, bestünde dennoch das Problem, dass es sich bis jetzt nicht rekonstruieren ließ, wo genau im Rhein Hagen von Tronje die sagenhaften Reichtümer denn versenkt haben soll.

Ironischerweise wird in diesem Zusammenhang immer wieder der Name Lochheim genannt. Hierbei handelt es sich um eine Wüstung in der Nähe der Gemeinde Biebesheim im südhessischen Kreis Groß-Gerau. Der literarische Beleg ist im Nibelungenlied zu finden, hier heißt es nämlich in der sogenannten Handschrift B, Strophe 1134: „er schüttete [den Nibelungenhort] da zu Lôche gänzlich in den Rhein“. Es gibt durchaus Argumente dafür, dass der unbekannte Dichter des Epos mit dieser Angabe die Rheinbiegung zwischen Biebesheim und Gernsheim gemeint hat. Dort macht der Fluss eine Wendung um fast 180 Grad; Strudel haben schon vor langer Zeit den Grund tief ausgehöhlt. Es gibt aber noch etwas anderes, was sich als Indiz werten lässt: In vergangenen Jahrhunderten ließ das Kloster Lorsch ganz in der Nähe Gold aus dem Rhein waschen.

Ein Schatz, der Unheil beschert

Dennoch ist Lochheim nicht der einzige Richtungsweiser zum Gold der Nibelungen. Auch der zwischen den rheinhessischen Dörfern Eich und Hamm gelegene Lochheimer Grund zieht gerne mal abenteuerlustige Schatzsucher an. Da Loch nämlich ganz allgemein eine gefährliche Stelle im Rhein bezeichnet, so etwa das Binger Loch oder das „Welsch Loch“ bei Lampertheim, kann es durchaus sein, dass die Sage sich gar nicht auf einen bestimmten Ort bezieht. Da der Rhein in früheren Jahrhunderten eine andere Gestalt aufwies, können sich diese Gefahrenlöcher auch an ganz anderen, heute nicht mehr geographisch genau verortbaren Stellen befunden haben. Vielleicht wäre es aber auch gar nicht so gut, wenn der Nibelungenhort tatsächlich aufgefunden würde, denn durch das gesamte Nibelungenlied (und in anderen Sagen zum Thema, wie beispielsweise der Edda oder der Thidrekssage) zieht sich das Motiv des fluchbeladenen Schatzes, der seinen zeitweiligen Besitzern am Ende immer großes Unglück beschert. Als Erstes erwischt es die Brüder Schilbung und Nibelung, Söhne des verstorbenen Königs Nibelung, die sich bei der Erbteilung in die Haare kriegen und den verhängnisvollen Fehler begehen, den nicht gerade für seine diplomatische Ader bekannten Siegfried als Schiedsmann einzusetzen. Als sie nämlich den Teilungsvorschlag des Drachentöters kritisieren und ihn dabei etwas zu forsch angehen, fackelt der nicht lange und bringt sie einfach mit jenem Schwert um die Ecke, das die Brüder ihm als Vorauszahlung für seine Dienste überlassen haben.

Kriemhilds Rache

Auch wenn Eifersucht eine bedeutende Rolle bei der Ermordung des neuen Hortbesitzers Siegfried spielt, so hat sein Meuchler Hagen ganz andere Motive. Er will den Schatz unter seine Kontrolle bringen – nicht unbedingt aus Habgier, sondern selbstverständlich nur für König und Vaterland sozusagen. Nachdem Siegfried aus dem Weg ist, wäre dessen Witwe Kriemhild eigentlich die rechtmäßige Hortbesitzerin, doch das stört Hagen und seine Chefs – die Königsbrüder Gunther, Gernot und Giselher – nicht im Geringsten. Hagen nimmt Kriemhild den Schatz einfach ab und versenkt ihn, wie zuvor schon erwähnt, im Rhein. Dass nur er und die Könige den genauen Ort kennen, soll ihre Lebensversicherung sein, als sie einen Staatsbesuch ins Hunnenland unternehmen, wo Kriemhild mit ihrem neuen Ehemann Etzel herrscht. Doch hier hat der sonst so schlaue Hagen sein Blatt überreizt, denn Kriemhild hat an dem Schatz gar kein Interesse mehr, hat sie doch mit dem Hunnenkönig einen äußerst vermögenden Mann geheiratet. Also hat Kriemhild auch kein Problem damit, für ihre Rache alle Burgunder über die Klinge springen zu lassen. Nun gibt es niemanden mehr, der den Aufbewahrungsort des Nibelungenhorts kennt und auch Kriemhild ereilt, wie alle anderen zeitweiligen Besitzer dieses Schatzes, der gewaltsame Tod, da sie unmittelbar nach dem Gemetzel an den Burgundern durch Dietrich von Bern hingerichtet wird.

Kultureller Schatz

Letzten Endes ist es den Wormsern aber dennoch gelungen, den Schatz der Nibelungen zumindest im übertragenen Sinne zu heben. Heute ist die mutmaßlich älteste Stadt Deutschlands weit über ihre Grenzen als bedeutender Schauplatz der Nibelungensage bekannt, was Jahr für Jahr viele Touristen anzieht. Ebenfalls für Besucherströme sorgen die Nibelungen-Festspiele, die seit 2002 jährlich mit gleichermaßen unterhaltsamen wie künstlerisch anspruchsvollen Neuinterpretationen des populären Sagenstoffes aufwarten. Umsonst ist die Pflege dieses Kulturguts in Form eines deutschlandweit viel beachteten Theaterereignisses freilich nicht, weshalb die Stadt Worms trotz nahezu ausverkaufter Vorstellungen jährlich einen Betrag in Millionenhöhe zuschießen muss, um die Kosten zu decken. Vielleicht wäre es ja doch hilfreich, wenn der Nibelungenhort gefunden würde?

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