VRM Wochenblätter

04.10.21 | Zukunft

Musterstadt für die digitale Zukunft

Darmstadt ist seit Juni 2017 deutsche Vorzeigestadt nach dem Sieg im Bitcom-Wettbewerb

von Peter Luckhaupt

 

„Die Stadt im Wald“, „Stadt der Künste“, „Wissenschaftsstadt“ und – ganz frisch – „Welterbestadt“: Arm an Zusatzbezeichnungen für potenzielles Gedrängel im Briefkopf war und ist die Stadt Darmstadt nicht. Im Juni 2017 war ein weiterer Zusatz hinzugekommen: „Digitalstadt“. Ein Siegel, das ihr, wie am 24. Juli für das UNESCO Welterbe Mathilden­höhe, von Außen verliehen wurde: Von Bitkom e.V., dem Branchenverband der deutschen Informations- und Telekommunikationsbranche. Nach einem einjährigen Bewerbungsverfahren wurde Darmstadt am 12. Juni 2017 als Sieger des bundesweiten Städtewettbewerbs „Digitale Stadt“ gekürt. Gleichzeitig Startschuss und Auftrag, sich zu einer „digitalen Modellstadt mit internationaler Strahlkraft“ zu mausern.

Dieses Symbolbild macht deutlich:Digitalität umspannt und verbindetzahlreiche Lebensbereichein der„Digitalstadt Darmstadt“.Foto: André Hirtz, Collage: ECHO-Grafik

Darmstadt setzt sich gegen vier Städte durch

Städte mit 100 000 bis 150 000 Einwohnern waren damals aufgerufen, ihre Ideen und Konzepte in den Ring des Wettbewerbs zu werfen, für den sich Bitkom den Deutschen Städte- und Gemeindebund an die Seite geholt hatte. Von den anfänglich 14 Bewerberstädten kamen Heidelberg, Kaiserslautern, Paderborn, Wolfsburg und Darmstadt in die Finalrunde. Am Ende fiel Darmstadt die Rolle zu, die geforderte „digitale Strahlkraft“ zu entwickeln und Musterstadt zu werden, von der andere Städte und Kommunen lernen können. Und zu zeigen, wie und wo überall die Segnungen digitaler Technologien im sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Leben einer Stadtgesellschaft fruchtbar Anwendung finden können. Von Verkehr und Energieversorgung bis hin zu Schulen und Gesundheitswesen.

Für den Aufbau dieser Strukturen gab es Geld: fünf Millionen Euro vom Land Hessen, dazu Pro-Bono-Leistungen von mehr als 20 Bitkom-Partnerunternehmen in zweistelliger Millionenhöhe. Anschub für Investitionen in zahlreiche Projekte für das künftige urbane Technologie-Schaufenster.

Die Fäden in diesem strategischen Netzwerk hält seither die städtische Tochter „Digitalstadt GmbH“ zusammen, die unter anderem garantiert, dass die Darmstädter Bürger an vielen Zukunftsentscheidungen beteiligt sind und auch Vorschläge und Ideen zum Aus- und Aufbau digitaler Strukturen machen können. Hinzu kommen Expertenräte, darunter sind ein Ethik- und Technologiebeirat und ein Unternehmensbeirat.

Bislang rund 80 Projekte machen Darmstadt „smarter“

Im Darmstädter „Experimentierraum für die Gestaltung, Entwicklung und Erprobung digi­taler Smart-City-Technologien“ sind seit Sommer 2017 rund 80 unterschiedliche und bereichsübergreifende Digitalisierungsprojekte umgesetzt worden. Neben dem Ausbau der Netze und des WLAN (u.a. im ÖPNV) gehören dazu Projekte wie Smart Parking; eine umfassende Umweltsensorik zur Erfassung der Luftqualität und weiterer Umweltparameter; eine Smart Lighting genannte adaptive Straßenbeleuchtung,

bei der Straßenmasten Träger von Sensoren sind, die in Echtzeit Daten erheben; ein Verkehrs- und Mobilitätsmanagement, gestützt auf vernetzte Signal­anlagen, Hochleistungsverkehrsrechner, Apps etc.; die umfassende Daten­plattform www.datenplattform.darmstadt.de, die schrittweise weiter entwickelt wird, u.a. aus einer Online-Beteiligung der Bürger; ein LoRAWAN (low range Netzwerk) für Internet-of-Things (IoT)-Anwendungen, etwa bei der Sensorik in den Müllbehältern; das „Haus der digitalen Medienbildung“ für medienpädagogische Veranstaltungen; das Teilhabeprojekt „Digital für Alle“; das „Digitale Stadtlabor Darmstadt“, eine bürgeroffene Plattform für Information, Vernetzung, Entwicklung, Beteiligung rund um die Digitalstrategie der Stadt; das „Digitale Schaufenster“, eine Präsentations-Plattform für Darmstädter Dienstleister, Gastronomen und Einzelhändler als Gegeninstrument zu Amazon & Co.; Online-Konferenzsysteme für die Digitale Schule (BigBlueButton) sowie die Bereitstellung von Serverkapazitäten. Die Kultur ist im Fokus über die Plattform „Kultur einer Digitalstadt e.V.“, die Künstler*innen als Experimentierraum, für fachübergreifende Diskussionen und kulturelle Vernetzung in der Digitalstadt Darmstadt dient.

Einer der jüngsten Früchte ist der „Digitale Bildungswegweiser Darmstadt“ in Kooperation mit der Volkshochschule Darmstadt, ein dynamisch wachsendes Portal, das Angebote für die berufliche, ehrenamtliche und auch freizeitliche Bildung in Darmstadt bündelt. 

Eine Open Data Plattform ist das nächste Projekt

Vor der Umsetzung steht eine Open Data Plattform, die 2022 sichtbar werden soll. Dazu gibt es am Mittwoch, 29. September, eine Online-Infoveranstaltung darüber, wie die Bürgerbeteiligung für diese Datenplattform aussehen wird und wie der Stand von Open Data ist.

Die digitalen Fortschritte Darmstadts werden in 14 Bereichen bearbeitet: Verwaltung, Mobilität, Handel & Tourismus, Bildung, Gesellschaft, Umwelt, Energie, Sicherheit, IT-Infrastruktur, Cybersicherheit, Datenplattform, Gesundheit, Kultur und Industrie 4.0.

Messungen der Schadstoffe und des Fahrzeugaufkommens. Die Zusammenhänge lassen sich digital erfassen und ermöglichen entsprechende Reaktionen. Hier künftige Messpunkte vor dem Landesmuseum. Infografik: DigSt.DA GmbH

Über das „Digitale Schaufenster“Waren aus der Stadt bestellen und gleichzeitig einen umweltfreundlichen Lieferradservice online beauftragen, sie nach Hause zu bringen: Schon jetzt in Darmstadt möglich. Infografik: DigSt.DA GmbH

Die „Geschichten“ verschiedener digitaler Projekte für Darmstadt „erzählt“ die Digitalstadt Darmstadt GmbH auf der Startseite ihres Webauftritts. Screenshot: SüWo

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