VRM Wochenblätter

07. Apr 2022 | Gesellschaft

Gemeinsam statt einsam  

„You’ll never drive alone“: Ist das eigene Auto Vergangenheit?

Von Christian Reiche

„Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung.“ Diese Einschätzung vertrat einst der deutsche Kaiser Wilhelm II. (1859 bis 1941). Da hat er sich mindestens ebenso geirrt wie Microsoft-Chef Bill Gates, der noch 1981 davon überzeugt war, „dass kein Mensch einen mehr als 640 Kilobyte großen Hauptspeicher im Computer benötigt“. Obwohl: Vielleicht bekommt zumindest der olle Willy angesichts der aktuellen Energiepreisentwicklung postum doch noch recht.

Foto: Patrick Daxenbichler

Die Automobilisierung im vergangenen Jahrhundert veränderte die Gesellschaft ebenso fundamental wie die Elektrifizierung im 19. und die Digitalisierung im 21. Jahrhundert. Mit einem eigenen Kraftfahrzeug war es möglich, zu jedem beliebigen Zeitpunkt schnell, bequem und ohne fremde Mitreisende an einen Ort seiner Wahl zu gelangen.
Das erleichterte zum Beispiel die Suche nach einer Arbeitsstelle. Schließlich war man mit einem eigenen Auto nicht mehr von Eisenbahnnetzen und Busfahrplänen abhängig. Spontane Sonntagsbesuche bei Erbtante Gerda in Guckelshausen waren nun ebenso möglich wie ein Familienurlaub an der italienischen Adria, das verbindet.
Wie innig sich die Beziehung zwischen Mensch und Maschine entwickelte, lässt sich unter anderem an den Kosenamen der neuen Familienmitglieder erkennen. Neben Tieren wie Käfer, Enten und Mustangs stehen auch Hugos, Helmuts und Emmas sowie Babys, Schnuckis und „mein Dicker“ in den Einfahrten und Garagen. Liebesbeweise wie edle Fußmatten zum bestandenen TÜV oder das samstägliche Reinigungsritual mit Schwamm und Poliertuch heben die Wertschätzung für das Gefährt gelegentlich sogar über jene für den Ehepartner.

Für viele hat das Auto alsStatussymbol schon ausgedient

Irgendwann war es keine Frage mehr, ob ein Auto vors Haus kommt, sondern welches. Kleiner als das des Nachbarn sollte es auf jeden Fall nicht sein. So ist heute mehr als jeder dritte Neuwagen in Deutschland ein fettes SUV. Damit ist klar, dass die Käufer der oft allradangetriebenen „Stadtgeländewagen“ nicht nur in den Hochlagen von Taunus und Westerwald, sondern auch in Mainz, Darmstadt und Wiesbaden leben.
Ob diese Entwicklung so weitergeht, darf jedoch bezweifelt werden. Die Gesellschaft verändert sich wieder. Vor allem junge Städter sind oft nicht mehr bereit rund 40000Euro – so viel kostet ein Neuwagen im Schnitt – für ein Statussymbol auszugeben, das die meiste Zeit ungenutzt auf einem teuren Parkplatz steht. Da taugen angesagte Klamotten, das aktuellste Smartphone, eine schicke Wohnung oder Selfies von den Malediven schon eher dazu, sich nach außen hin gesellschaftlich gut zu positionieren.
So ganz von der individuellen Mobilität verabschieden möchte sich die Touchscreen-Generation aber auch nicht. Und natürlich wollen auch die Hersteller weiterhin Autos verkaufen. Also müssen neue Modelle her. Keine neuen Fahrzeug-, sondern Nutzungsmodelle. Der Grundgedanke ist bei allen Ideen der Gleiche: Einer alleine ist für ein Auto zu wenig. Carsharing ist eine Lösung. Das Prinzip ist einfach: Der Anbieter kauft Fahrzeuge und verteilt diese in der City. Wer eines davon benötigt, reserviert, steigt ein und düst los. Abgerechnet wird pro gefahrenem Kilometer (circa 70 Cent) oder pro Minute (circa 20 Cent). Das funktioniert per App, ist kinderleicht und rechnet sich für alle, die weniger als 5000 Kilometer im Jahr fahren. Hört sich doch gut an: In die Uni oder auf die Schicht geht´s mit Bus, Bahn oder Fahrrad, in den Sommerurlaub mit dem Cabrio und ins Ikea mit dem Kleintransporter.
Eine weitere Möglichkeit, ohne ÖPNV mobil zu sein, bieten die Mitfahrzentralen. Hier bucht der Reisende einen freien Platz bei einem Fahrer, der denselben Weg vor sich hat. Das ist deutlich günstiger als das gemietete oder geliehene Fahrzeug. Allerdings ist die Nähe zu dem fremden Chauffeur nicht jedermanns Sache. Zumal es auch passieren kann, dass man durch aufgezwungene Gespräche vom Handychat mit seinen 598 Freunden abgelenkt wird.
So mancher Berufspendler kennt das Mitfahren-und-mitfahren-lassen-System auch unter dem Begriff „Fahrgemeinschaft“. Die ökologischen (Klimawandel) und vor allem ökonomischen (Energiepreis) Realitäten verändern das „Fahrverhalten“ unserer Gesellschaft nachhaltig. Den Luxus des eigenen Autos werden sich immer weniger Menschen leisten wollen und können. Wie sieht also die Zukunft unserer Mobilität aus? Die Antwort gibt vielleicht eine leichte Abwandlung der Fußballstadionhymne von „Kloppos“ FCLiverpool: „You’ll never drive alone!“.

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