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10.08.23 | Lokalausgaben

Ein gigantisches Bauwerk unter der Erde

Der Salzbachkanal ist Herzstück des Wiesbadener Kanalsystems – Er gilt heute noch als Meisterstück der Ingenieurskunst

von Redaktion

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Foto: Karl-Heinz Köppner
In der Wilhelmstraße geht es hinab in den Salzbachkanal. Foto: ELW

In der Wilhelmstraße gibt es ein verborgenes Loch, um das noch nicht einmal alle Wiesbadener wissen. Es ist für die Bürger der Stadt und ihre Besucher ein weitgehend unbekanntes Zeichen der Moderne. Zwischen den Herrschaftshäusern und Schatten spendenden Bäumen, die der Flaniermeile ihr charakteristisches Antlitz verleihen, befindet sich – in Nähe der Villa Clementine – der Einstieg in eine unterirdische Welt. Von dort aus gesehen, erstreckt sich der Salzbachkanal in zwei Richtungen der Stadt. Da der Zugang so unscheinbar und für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist, gehen die Passanten achtlos vorüber, dabei ist er etwas Großes: Der Einlass zu einem System, ohne das ein Leben in der Landeshauptstadt kaum möglich wäre.

Wunderwerk der Ingenieurskunst

Selbst in Fachkreisen gilt der Kanal heute noch – weit über 100 Jahre nach seiner Planung – als ein Wunderwerk der modernen Ingenieurskunst. Sieben Meter unter der Straße und über zweieinhalb Kilometer verläuft er in Richtung Rhein und leitet bei Biebrich pro Sekunde bis zu 85.000 Liter Abwasser in den Fluss. Gebaut aus handgefertigten Klinkern und Spezialmörtel, gibt er sich einen feinen zivilisatorischen Anstrich – selbst in der Tiefe.

Thermalquellen als Namensgeber

Der Salzbachkanal wurde zwischen 1900 und 1907 entworfen. Modernste technische Erkenntnisse nutzten die Planer für den Bau. Für das insgesamt rund 770 Kilometer umfassende Wiesbadener Kanalsystem ist er ein Symbol, das wegen seiner handfertigen und geradezu künstlerischen Einmaligkeit unter Denkmalschutz steht. Seinen Namen trägt er wegen der salzhaltigen Thermalquellen des Wiesbadener Quellenviertels. Bei trockenem Wetter lässt der Kanal nur über die Niedrigwasserrinne das Wasser von Rambach und Schwarzbach abfließen. Bei starkem Regen kann er schon einmal bis unter die Decke volllaufen.

Bei intensivem Niederschlag wird das überstaute Mischwasser mit geringen Schmutzanteilen ebenfalls dem Salzbachkanal zugeführt. Damit werden Klärwerk und weitere Kanäle entlastet. Fassungsvermögen und Abfluss sind derartig enorm, dass es kaum zu Überschwemmungen in der Stadt kommen kann. Dennoch wurde bei den Unwettern 1999 und 2014 das Kurhaus durch Wasser stark mitgenommen. Auch in der Innenstadt, in der Nähe des Hauptbahnhofs, der auf recht tiefem Niveau in der City liegt, kam es an diesem Tag zu spektakulären Überschwemmungen.
Schäden am Wiesbadener Kurhaus wie bei den schweren Hochwasserereignissen sollten mit allen Mitteln vermieden werden. Dies war die Erkenntnis, die man aus den Unwettern zog. Deshalb wurde zur Ableitung überschüssigen Bachwassers bei Überflutungen der Bau eines Überlaufs – ein sogenannter Schluckbrunnen – am Kurparkweiher errichtet.

Konkurrenzkampf der Kurstädte

Das Kanalsystem ist für die moderne Urbanität heute eine kaum beredete Selbstverständlichkeit. Doch dass Kommunen für die Stadthygiene verantwortlich sind, war vor noch nicht allzu langer Zeit keineswegs selbstverständlich. Vor der Kanalisierung gelangten die Abwässer der Privatgrundstücke durch einfache Gräben aus Bruchsteinmauerwerk, Rinnen und Rohren zur Entsorgung in die Bachläufe und Gräben. Fäkalien wurden, wie in nahezu allen Städten, in Gruben gesammelt und per Abfuhr beseitigt. Die Erkenntnis, dass die Verwaltung für die Abwasser Verantwortung zu tragen habe, setzte sich erst im 19. Jahrhundert durch, als immer größere Ballungsräume entstanden. Die wachsende urbane Bevölkerung zwang zu einer zeitgerechten Entsorgung. Für Wiesbaden von besonderem Gewicht war dabei: Die Stadt stand in einem Konkurrenzkampf mit anderen Kurstädten, die entschlossen Wassertoiletten einführten und dafür sorgten, dass unangenehme Gerüche aus den Straßen verschwanden und die Heilbehandlung nicht weiter beeinträchtigten. Dabei stank es in Wiesbaden mehr als in anderen Städten, denn das Thermalwasser intensivierte den Geruch, der schwer in den Straßen lag.

Verunreinigtes Trinkwasser verursacht Epidemien

Doch die Kanalisation wurde aus einem noch viel wichtigeren Grund dringend notwendig: Insbesondere verunreinigtes Trinkwasser führte vor dem Bau des Abwassersystems immer wieder zu schweren Epidemien. Zwischen 1815 und 1884 kam es zu sechs Typhusausbrüchen in der Hauptstadt des damaligen Herzogtums Nassau und später der Provinz Hessen-Nassau. Während des letzten Typhusausbruchs in Wiesbaden im Sommer 1885 wurden unter den rund 55.000 Einwohnern 938 Erkrankungen und 52 Tote gezählt. Natürlich hatte dies auch wirtschaftliche Folgen. Wo Ansteckungskrankheiten grassieren, dort existiert kein Tourismus mehr. Dass in Wiesbaden immer wieder Typhus ausbrach, war schnell in ganz Europa bekannt. Die Folge: Die Kurgäste blieben aus. Im Jahr der letzten Typhusepidemie – also 25 Jahre vor Beginn der Planungen für den Salzbachkanal – war mit dem Bau der Abwasserkanäle der Einstieg in die moderne Stadtentwässerung vollzogen worden. Die Ableitung wurde ab diesem Zeitpunkt professionell erledigt. Dabei setzten die Ingenieure die Grundstücksentwässerung und den Kanalbau auf hohem Niveau um.

Infrastruktur und Stadthygiene

Wiesbaden kamen bei der planerischen Entwicklung Erfahrungen zugute, die bereits anderswo gesammelt wurden. Die Stadt zog Wissen und Kenntnis profilierter Ingenieure heran. Darunter Reinhard Baumeister, Felix Genzmer und Josef Brix. Sie waren an den Hochschulen des Kaiserreiches bedeutende Gründer der Siedlungswasserwirtschaft als eigenständiger Wissenschaft. Reinhard Baumeister galt als einer der ersten Stadtplaner, die Infrastruktur und Stadthygiene als wesentlichen inhaltlichen Bestandteil der Stadtplanung ansahen. Die Kanalisation Wiesbadens funktioniert bis heute zum größten Teil als Mischwassersystem. Dabei wird sowohl das Regenwasser als auch das Abwasser in einer gemeinsamen Leitung geführt. Es unterscheidet sich von einem Trennsystem, bei dem das Regenwasser und das Abwasser getrennt abgeleitet werden. Was sich hinter dem unscheinbaren Zugang in der Wilhelmstraße verbirgt, ist ein gigantisches Bauwerk. Die Wiesbadener Kanalisation ist über 819 Kilometer lang, etwa 77 davon mit einem Durchmesser von 120 Zentimetern sind begehbar. Zum Kanalsystem gehören 22.000 Schachtbauwerke und 27.000 Straßeneinläufe. Die Gesamtstrecke der privaten Hausanschlussleitungen entspricht 2.200 Kilometer.

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