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Neue Stoffe und alte Klassiker 

Staatstheater Mainz stellt kommende Spielzeit vor /  29 Premieren stehen auf dem Programm 

von Redaktion

Nochmal abrocken. Foto: Jehavo/AdobeStock

Das Team des Mainzer Staatstheaters bei der Präsentation des neuen Spielzeitheftes 2023/24 (v.l.): Schauspielchefdramaturg Jörg Vorhaben, Intendant Markus Müller, Opernchefdramaturgin Sonja Westerbeck, Tanzdirektor Honne Dohrmann und Generalmusikdirektor Hermann Bäumer. Archivfoto: Sascha Kopp 

In einer Pressekonferenz haben Intendant Markus Müller, Generalmusikdirektor Hermann Bäumer, die Chefdramaturgin der Oper Sonja Westerbeck, der Chefdramaturg im Schauspiel Jörg Vorhaben sowie Tanzdirektor Honne Dohrmann das Programm der kommenden Saison am Staatstheater Mainz vorgestellt. 

Unsterbliche Partitur 

Mit „Carmen“ wird im Großen Haus die Opernsaison 2023/24 eröffnet. George Bizets unsterbliche Partitur ist jenseits aller Ohrwürmer sehr direkt und farbenreich in ihrem Ton, die Figuren sind greifbar und drastisch in ihren Konflikten und die Schauplätze metaphorisch aufgeladen – viel Stoff also für ein packendes Musiktheater, das Luise Kauz inszenieren wird, die musikalische Leitung liegt bei Daniel Montané.
Zwei Werke widmen sich dem düstersten Kapitel deutscher Geschichte. Mit der Oper „Die Passagierin“ hat der polnisch-jüdische Komponist Mieczysław Weinberg eines der wichtigsten Werke des 21. Jahrhunderts geschrieben.

Es ist ein in Musik gefasstes Mahnmal gegen das Verschleiern und Vergessen von Schuld und Opfern, die durch die Gräueltaten des Dritten Reiches ihr Leben im Konzentrationslager verloren haben.

Die Inszenierung von Nadja Loschky ist eine Kooperation mit der Oper Graz und wird nun, musikalisch geleitet von Hermann Bäumer, erstmals in Mainz gezeigt – die Titelpartie singt und spielt Nadja Stefanoff. In enger Verbindung dazu steht das Thema des Widerstands: Udo Zimmermanns Oper „Weiße Rose“ fasst die beklemmende Stimmung des Geschwisterpaares Hans und Sophie Scholl wenige Stunden vor ihrer Hinrichtung ein – Maximilian Eisenacher inszeniert die Kammeroper auf U17, die musikalische Leitung liegt bei Paul Johannes Kirschner. Beide Produktionen werden von einem Rahmenprogramm begleitet. 

Künstliche Intelligenz 

In der Jugendoper „Humanoid“ von Leonard Evers dreht sich alles um die technisch ausgereifteste Version der künstlichen Intelligenz. Kann man sich seinen Lieblingsmenschen als Android nachbauen? Wann ist eine Maschine menschlich? Im Kleinen Haus wird diesen Fragen in einer fantasievollen Klangsprache nachgegangen. 

Die elementare Erfahrung mit Musik, Sprache und Theaterzauber können die kleinsten Zuschauer in der kommenden Spielzeit mit der Stückentwicklung „Tschirp!“ machen und so einen spielerischen Einstieg in die große Welt der Oper finden. Spielerisch-leichtfüßig ist auch das Stichwort für „Die Piraten von Penzance“ des britischen Künstler-Duos Gilbert & Sullivan. Karl-Dirk Schmidt inszeniert diese heiter-rasante Operette mit Seegang – am Pult hält Samuel Hogarth allen Stürmen stand.  

Der Opernmonolog der finnischen Komponistin Kaija Saariaho Emilie stellt eine historische Frauenfigur in den Mittelpunkt: Emilie du Châtelet war eine Physikerin und Mathematikerin und eng verbunden mit Newton. Immo Karaman setzt dieses musikalische Kammerspiel als deutsche Erstaufführung in Szene und Hermann Bäumer sorgt für die musikalische Umsetzung. 

Zum anstehenden Peter Cornelius-Jubiläum wird in einer konzertanten Uraufführung unter der Leitung von Hermann Bäumer das Werk „Gunlöd“ zum Klingen gebracht. Hier wird eine Nebenfigur aus der Edda-Sage zur Hauptfigur. 

Zwei kraftvolle Werke komplettieren den Spielplan: Giuseppe Verdis „Otello“ und Richard Strauss‘ „Rosenkavalier“. Regisseurin Victoria Stevens zeichnet Otello als traumatisierten Kriegsheimkehrer, der zum Opfer einer Intrige wird. Die musikalische Leitung hat Hermann Bäumer, Antonello Palombi verkörpert die Titelpartie.  

Bob Dylan wieder nicht da 

Richard Strauss‘ „Rosenkavalier“ ist eine lebendige Rokoko-Fantasie: Alter Adel – Neues Geld, diesem Gegensatzpaar der einstürzenden K&K-Monarchie nehmen sich Regisseur Georg Schmiedleitner und der musikalische Leiter Daniel Montané an. Weiter auf dem Spielplan bleiben „Hänsel und Gretel“, „Le Villi/Pagliacci“, „Peter Pan“, „Salome“ und „Klangjäger“. Wieder aufgenommen wird „Things have changed – Bob Dylan is not there“. 

Wie gewohnt ist das Programm des Schauspiels am umfangreichsten: 15 Premieren (darunter vier Koproduktionen) und ein Projekt im Stadtraum stehen auf dem Spielplan der kommenden Saison. Außerdem werden 16 Produktionen wiederaufgenommen, darunter „Der kleine Horrorladen“, „Anna Karenina“, „Fast genial“ ebenso wie ältere Stücke wie „Sophia, der Tod und ich“ und „Krabat“. Bei den Neuproduktionen ist die Anzahl der Klassiker und modernen Klassiker mit Stoffen wie „Woyzeck“, „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“, „Romeo und Julia“, „Der zerbrochne Krug“ oder „Antigone“ 2023/24 höher als gewohnt.  

Ziviler Ungehorsam 

Regisseurin Mirjam Loibl wird Marie in ihrer „Woyzeck“-Inszenierung mehr Raum geben, als Büchner ihr zugestanden hat – was sich auch im Titel wiederfindet: „Woyzeck | Marie“ kommt im Kleinen Haus zur Premiere. Kathrin Mädler widmet sich Heinrich von Kleists „Der zerbrochne Krug“, Rimini Protokoll wird sich zusammen mit Theater Hora die Frage stellen, wie man Bertolt Brechts „Der kaukasische Kreidekreis“ aus einer besonderen Perspektive aufführen kann und Anna Gschnitzer schreibt eine neue Fassung von „Antigone“ nach Sophokles (Regie: Alexander Nerlich) und fragt, was eigentlich zivilen Ungehorsam definiert. 

Privater, aber nicht weniger existenziell klingt diese Frage bei Romeo und Julia: „Would you die tonight for love?“ Jan Friedrich inszeniert Shakespeares vermutlich berühmtesten Stück im Großen Haus.  

Neben den bekannteren Stoffen stehen vier Uraufführungen und eine deutschsprachige Erstaufführung auf dem Schauspielprogramm. Nachdem Jan Neumann in seiner Stückentwicklung „Sensemann & Söhne“ dem Tod die Bühne bereitete, geht es in „Kurz & Nackig“ nun um die Geburt und um alles, was mit dieser zu tun hat. „The Beginning“ von Bert und Nasi thematisiert noch grundsätzlicher den Anfang ganz allgemein, etwa, wenn man auch im fortgeschrittenen Alter noch mit dem Tanzen anfangen kann. Ebru Tartıki Borchers inszeniert die deutschsprachige Erstaufführung von James Fritz‘ schonungslosem Sozialdrama „Parliament Square“. Dieses stellt die Frage, was man aufgeben würde, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. 

Weitere Themen sind „Glück“ und „Wirtschaft“

„Jupiter brüllt – Der lange Weg zum Glücksplanet“ lautet der Titel eines neuen Textes der Autorin Annika Henrich. Er handelt von der Frage, wo das Glück im 21. Jahrhundert zu finden ist, von den Millennials und deren Blick auf Arbeit, Partnerschaft und Eigentumswohnung – Regie führt Ran Chai Bar-zvi. 

Das Thema Wirtschaft, das sich motivisch bereits durch mehrere Spielzeiten zieht, wird fortgesetzt. Nun kommt eine Bearbeitung von Rainald Goetz‘ Roman „Johann Holtrop“ über die Nuller Jahre in Deutschland auf die Bühne – im Mittelpunkt steht ein Vorstandsvorsitzender mit seiner Egomanie und seinem Zynismus, es inszeniert Friederike Heller. 

Zwei neue Produktionen und ein Projekt sind im Schauspiel für junge Zuschauer geplant. Im Großen Haus kommt das Familienstück „Die Schöne und das Biest“ in einer amüsanten Version von Lucy Kirkwood und in einer Inszenierung von Katharina Ramser. Als Uraufführung gibt es für alle ab zehn Jahren „Kannawoniwasein“ zu erleben: Die Besucher verfolgen den Road Trip eines Jungen, dessen Rucksack bei einer Bahnfahrt geklaut wird, sowie die Abenteuer, die er infolgedessen erlebt (Regie: Tim Schmutzler). Außerdem geht die Sparte mit einem Projekt in den Stadtraum: Andy Field und Beckie Darlington eröffnen mit Kindern in einem leerstehenden Gebäude ein temporäres Museum der kleinen und unwichtigen Dinge. 

Christian Brey inszeniert im Kleinen Haus Woody Allens Komödie „Hannah und ihre Schwestern“. 

Neu und international 

Die Tanzsparte bewegt sich weiter zwischen der Produktion neuer Stücke und internationalen Gastspielen. „Soul Chain“, „Promise“ und „Kreuz & quer“ bleiben weiter auf dem Spielplan. Wieder aufgenommen wird die Produktion „Sphynx“. 

Bei den Uraufführungen macht den Auftakt eine Arbeit von Moritz Ostruschnjak im Kleinen Haus: „Trailer Park“ setzt sich mit den sozialen Medien auseinander und zeigt, wie diese unsere Verhaltensweisen und unser Zusammenleben beeinflussen. In einer zeitgemäßen Choreografie arbeitet er mit Fundstücken aus dem Internet, die er in seiner ganz eigenen Ästhetik zu neuen Bildern zusammensetzt. Antje Pfundtner bietet auf U17 für ein Publikum ab acht Jahren die Produktion „Quatsch“ an und stellt die Frage, wie Grenzen zu definieren sind. 

Ein besonderes Augenmerk gilt der Tanzszene Portugals. Der Doppelabend Força im Großen Haus ist zwei international erfolgreichen Choreografen der jüngeren Generation gewidmet: Tânia Carvalho besticht in ihrer Tanzsprache durch die Fähigkeit, große einprägsame Tableaus zu schaffen und ebenso absurde wie poetische Welten zu kreieren. Lander Patrick steht in der Tradition seiner früheren Lehrerin Tânia Carvalho – hat aber eine ganz eigene Sprache für sich entdeckt. Felix Berner widmet sich im Kleinen Haus mit „Follow me!“ der Frage, warum wir eigentlich anderen Menschen, Stars, Idolen und Influencern folgen. 

Beim „Tanzmainz Festival“ werden brandneue Choreografien und innovationsfreudige Arbeiten aufstrebender Künstler zeigt. 

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